„Wir feiern das Leben jeden Tag“

Birte Wiebeck kann keine Kinder bekommen, wünscht sich aber eine Familie. Ihre Liebe gibt sie deshalb als Pflegemutter weiter – an schwerstbehinderte Heimkinder, die sonst kaum Chancen haben, ein neues Zuhause zu finden.

Es ist dunkel im Kinderzimmer. Nur ein sanfter rosa Lichtstrahl scheint aus dem Bettchen hervor, in dem Kiara liegt. Er kommt von einem leuchtenden Einhorn, das neben dem Kopf der Kleinen sitzt. Das Licht sieht Kiara nicht – sie ist blind. Doch die zarte Melodie, die das Einhorn spielt, begleitet sie durch ihren Mittagsschlaf.

Birte Wiebeck am Bett ihrer Pflegetochter Kiara.

Das Kuscheltier ist ein Geburtstagsgeschenk: Am 24. Juli ist das Mädchen acht Jahre alt geworden. „Als sie in unsere Familie kam, sagte man mir, dass 30 Prozent der Kinder wie Kiara keine Sechs werden“, erinnert sich Birte Wiebeck, während sie sanft über den Kopf ihrer Tochter streicht. „Kinder wie Kiara“ – das sind Kinder, die als gesunde Säuglinge durch ein Schütteltrauma schwere Hirnschäden erlitten haben. Seitdem sieht die Kleine nichts mehr, hat immer wieder Krampfanfälle und bekommt von ihrer Umwelt nur wenig mit.

„Bei einem schwerstbehinderten Kind, da kann jede Lungenentzündung die letzte sein…“, sagt die 50-jährige Pflegemutter. „Deshalb fiel es mir zu Beginn schwer, eine Beziehung zu Kiara aufzubauen. Ich hatte Angst, dass, wenn ich mich in dieses Kind verliebe, der Abschied so schwer wird.“ Doch es ist längst um die Hamburgerin geschehen. „Meine Kinder geben mir so viel, wie könnte ich anders?“

Doch wir sind davon überzeugt, dass jedes Kind ein Anrecht auf eine Familie und Geborgenheit hat.
Birte Wiebeck, Pflegemutter von zwei lebensverkürzt erkankten Kindern

Nebenan hört man ein glucksendes Lachen. Vincent, der erst seit Kurzem in der Familie lebt, spielt mit seinem Pflegevater Bernd Lingsteding. „Vinci, Vinci, Vinciiii“, sagt dieser immer wieder – bis der Kleine freudig den Kopf zur Seite wirft und wieder zu Lachen beginnt. Der Eineinhalbjährige kam mit einer schweren Hirnfehlbildung zur Welt, ist ebenfalls blind.

Vicent mit seiner Pflegemutter Birte Wiebeck

Weil er keinen Schluckreflex hat, wird er über eine Magensonde ernährt. Doch auch wenn Vincents kleiner Körper schwach und zerbrechlich ist und er mit einem Schlauch am Bauch leben muss – aufhalten lässt er sich davon nicht: „Er braucht Action und tobt gern“, sagt Bernd lächelnd und hebt den Kleinen, der vergnügt mit den dünnen Beinchen strampelt, immer wieder hoch über seinen Kopf.

Unterstützung, auf die man zählen kann

Als Birte Wiebeck Ende der 90er-Jahre mit ihrem damaligen Mann beschließt, ein Kind zur Pflege zu sich zu nehmen, hat sie eine Bedingung: Es soll, wie sie beide, eine Behinderung haben. Die Hamburgerin sieht nur schemenhaft, ihr Mann Martin hat Multiple Sklerose und ist blind. „Wir haben uns auf der Blindenschule kennengelernt, konnten beide die Blindenschrift und dachten: Es wäre doch blöd, wenn wir unsere Fähigkeiten nicht weitergeben würden.“

Nach der Pflegeelternüberprüfung und –schulung ist es soweit: Umair kommt in die Familie. Der damals 11-Jährige hat einen Gendefekt, sitzt im Rollstuhl und kann nicht sehen. Heute lebt er in einer Wohngemeinschaft und hat gerade einen Job als Büroassistent bei Philipps Medical angetreten. „Das ist großartig!“, sagt seine Mutter stolz.

Pflegekind Vincent im Arm von Birte Wiebeck, daneben steht Pflegevater Bernd Lingsteding

Ihr damaliger Mann lebt inzwischen nicht mehr in der Familie, die Kinder aber sind geblieben. Dass Birte nun ihren neuen Partner Bernd an ihrer Seite hat, verdankt sie ihrer Tochter: „Kiara hat ihn vor drei Jahren mit nach Hause gebracht“, erzählt sie lächelnd. „Ich arbeite beim Behindertenfahrdienst“, erklärt der 53-Jährige, „und habe Kiara früher schon zum Kindergarten gebracht.“

Doch ihr Lebensgefährte ist nicht die einzige Stütze, auf die die Pflegemutter zählen kann. Zwei Krankenschwestern wechseln sich Tag und Nacht ab. Eine Sachbearbeiterin vom ambulanten Kinderhospizdienst „Familienhafen“ in Hamburg kommt einmal in der Woche. Und wenn die vier Urlaub machen möchten, geht es ins Kinderhospiz Mitteldeutschland.

Vincent lacht

„Wenn die Leute ‚Hospiz‘ hören, stellen sich viele einen tristen, traurigen Ort vor“, weiß Bernd Lingsteding. „Doch so ist es nicht. Das Hospiz ist hell und freundlich und wir Eltern haben die Möglichkeit, durchzuatmen – denn unsere Kinder werden rund um die Uhr medizinisch versorgt.“ Darüber hinaus bleibt für die vier viel Zeit zum Kuscheln. „Manchmal gehen wir auch schwimmen oder auf die Klangliege“, sagt Birte. „Wir machen einfach schöne Sachen, die uns allen gut tun.“

Natürlich gibt es im Hospiz auch traurige Momente. „Als wir im Sommer da waren, ist ein Kind verstorben“, erzählt Bernd. „Darauf werden die anwesenden Eltern vorbereitet, dieses Kind braucht dann selbstverständlich viel Aufmerksamkeit.“

Wir wollen den Kindern ein schmerzfreies Leben ermöglichen und ein liebevolles Zuhause geben.
Bernd Lingsteding, Pflegevater von Kiara und Vincent

Auch Kiara geht es nicht gut. „Sie hat stark abgebaut“, sagt Birte. Erneut steht sie am Bett ihrer Tochter. Ein Monitor am Fußende zeigt die Sauerstoffsättigung und den Puls der Kleinen an. Alles normal. Die Augen sind leicht geöffnet. „Kiara krampft gerade“, stellt die Mutter fest. Sie drückt auf das Einhorn, das wieder zu spielen anfängt, und streichelt ruhig die kleine Hand. „Jetzt in Panik zu verfallen, bringt überhaupt nichts“, sagt sie leise. „Das überträgt sich nur auf das Kind…“

Info
  • Birte Wiebeck ist Mitglied im Bundesverband behinderter Pflegekinder e.V. und erhält zudem Unterstützung vom Pflege- und Patenkinder Fachtdienst für Familien (PFIFF).
  • Das Kinderhospiz Mitteldeutschand in Tambach-Dietharz wendet sich an Familien, deren Kinder unheilbar krank bzw. schwer mehrfach behindert sind. Die Mitarbeiter haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Schwerkranken zu begleiten, Familien zu entlasten und ihnen auf ihrem „Weg des Lebens“ beizustehen. Die Deutsche Fernsehlotterie förderte den Bau des Kinderhospizes mit insgesamt 640.000 Euro.

Wenige Minuten später schläft Kiara wieder friedlich und ihre Eltern genießen auf der Terrasse für einen kurzen Moment die letzten Sonnenstrahlen. „Manche sagen: ‚Ihr könntet auch ein entspanntes Leben führen‘“, erzählt Birte. „Das könnten wir. Doch wir sind fest davon überzeugt, dass jedes Kind ein Anrecht auf eine Familie und Geborgenheit hat. Keines sollte anonym im Heim sterben müssen.“ Bernd nickt. „Wir wollen den Kindern ein schmerzfreies Leben ermöglichen und ein liebevolles Zuhause geben. Deshalb feiern wir auch zweimal im Jahr Geburtstag: Einmal am Tag der Geburt und einmal am Tag, als sie in die Familie kamen.“

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Kommentare
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Es ist wunderbar, dass es Menschen wie Sie gibt! Diese Kinder können so viel Freude und Liebe schenken, weil ihnen Liebe widerfährt. Das ist das einzige, was Glück und glücklich sein ausmacht. Es ist nicht in Schönheit, Talenten oder Reichtum zu finden.

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Respekt für Eure tolle Arbeit!

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Birte – 08.11.2017, 19:41 Uhr

Herzlichen Dank!

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