Wenn Oma Hilfe braucht

Das Ehrenamt ist eine wichtige Säule unserer Gesellschaft, besonders auch in der Arbeit mit Senioren. Doch der demografische Wandel macht sich längst bemerkbar: Es gibt immer mehr ältere Menschen, die Hilfe im Alltag oder niedrigschwellige Pflege benötigen. Nicht immer kann dies durch Ehrenamtliche geleistet werden. Eine Erfahrung, die auch Antonia und Nikolaus Albert machten, als ihre Großmutter dement wurde. Doch sie wussten sich zu helfen – und gründeten kurzerhand eine Online-Plattform für Senioren, Familien und pflegende Angehörige.

Plötzlich ist er da, dieser Moment. Als Antonia und Nikolaus Albert merken: Oma braucht Hilfe. Denn so langsam machen sich die ersten Zeichen der Demenz bemerkbar. Doch ihre Oma lebt auf dem Land. Für die Enkelkinder – und auch den Rest der Familie – nicht mal eben um die Ecke. Also beginnen sie mit der Suche nach einem passenden Betreuer, damit ihre Großmutter möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung bleiben kann. Doch das stellt sich als sehr viel schwieriger dar, als gedacht:

„Wir haben jemanden gesucht, der wirklich gut zu unserer Oma passt und von ihr angenommen wird. Bei dem sie gut versorgt ist und wir als Familie ein gutes Gefühl haben“, sagt Antonia Albert. „Die aktuellen Strukturen waren jedoch so, dass jeden Tag eine andere Person zu ihr kam. Wegen ihrer Demenz war es schwierig für sie, damit umzugehen. Wir wollten gern, dass jemand stundenweise bei ihr ist, also auch tagsüber und nicht nur einmal in der Früh und einmal am Abend. Das war zu diesem Zeitpunkt unmöglich zu finden.“

Antonia und Nikolaus Albert

Diese Erkenntnis trifft die Geschwister völlig unerwartet. Also setzen sie sich kurz darauf, im Sommer 2015, zusammen – mit einer Vision: Allen Familien einen einfachen Zugang zu Organisation und Buchung individueller Betreuung zu ermöglichen. Doch wie soll das funktionieren? Antonia, die zu diesem Zeitpunkt bereits in der Start-Up-Szene tätig ist, und Nikolaus, der nach seinem Studium der Luft- und Raumfahrt eigentlich Rakten bauen wollte, gründen eine Internet-Plattform: Careship.

Frau Albert, was erwartet Senioren und Angehörige, wenn sie zu Ihnen auf die Seite kommen?

Für uns ist es essentiell, dass die Leute erst einmal richtig informiert werden. Damit fängt bei uns alles an. Denn wir finden, dass zum Thema Pflege eine unfassbare Intransparenz herrscht. Oft wissen die Leute gar nicht, was ihnen zusteht und wie man Leistungen von der Pflegeversicherung für die individuelle Situation bestmöglich kombinieren kann. Wir haben eine kostenlose Telefonberatung, Pflege-Experten geben hier Auskunft.

Hände

Wie geht es nach der Beratung weiter?

Wenn jemand ein Angebot in Anspruch nehmen möchte, suchen wir nach dem „Perfect Match“ – einem Betreuer, der perfekt zu den Bedürfnissen und der zu pflegenden Person passt. Wir glauben, dass Pflege Beziehungsarbeit ist, dass die Menschen dafür Zeit und Geduld mitbringen und sich auf den anderen voll einlassen müssen. So ist auch unser Firmenname ‘Careship’ entstanden, von „Care“ und „Relationship“ – also zu Deutsch „Betreuung“ und „Beziehung“.

Feedback ist unheimlich wichtig. Gerade heutzutage, wo so viel Missbrauch im Pflegebereich passiert.
Antonia Albert, Gründerin von „Careship“

Wie tragen Sie als Unternehmen dazu bei, dass eine solche Beziehung möglichst lange hält?

Unser Geschäftsmodell besteht aus drei Säulen: Der Beratung, den niedrigschwelligen Dienstleistungen und dem sogenannten „Caremanagement“ – also die Nachbetreuung. Nach dem ersten Besuch eines Betreuers fragen wir nach: Hat alles gepasst? Außerdem werden die Senioren und die Familien regelmäßig informiert: Wer war vor Ort? Was wurde gemacht? Und: Gibt es noch zusätzlichen Bedarf? Das Feedback ist unheimlich wichtig. Gerade heutzutage, wo so viel Missbrauch im Pflegebereich passiert. Abrechnungsskandale, Betrug – davon lese ich inzwischen regelmäßig in den Zeitungen.

War Ihre Oma Ihre erste Kundin?

Nein, leider nicht. Wir sind derzeit nur in großen Städten aktiv: Berlin, Hamburg, Frankfurt und Düsseldorf. Als nächstes stehen Köln und München an. Für meine Großmutter haben wir – nach langem Suchen – aber auch jemanden gefunden.

Ein älterer Mann spielt mit einer jungen Frau Mensch ärgere dich nicht.
Eine ältere Dame geht Arm in Arm mit einem jungen Mann spazieren
Eine jüngere Betreuerin schaut eine ältere, sitzende Dame freundlich an.

Haben Sie denn in Zukunft vor, auch den ländlichen Bereich abzudecken?

Auf jeden Fall! Doch wir wollen qualitätsvoll wachsen und wollen unser Modell Stadt-für-Stadt ausweiten. Wir müssen zuerst immer qualitativ hochwertige Seniorenbetreuer rekrutieren, um dann auf Kundenseite zu eröffnen. Deswegen geht nicht alles auf einmal, aber wir arbeiten daran und hoffentlich ist unser Angebot in Zukunft auf für Senioren auch dem Land verfügbar.

Mit welchen Wünschen kommen die Senioren auf Sie zu?

Das ist ganz unterschiedlich. Viele suchen einfach nur eine helfende Hand oder jemanden zum Reden. Einmal hatten wir aber auch ein diplomatisches Ehepaar aus Japan, das mit der Großmutter nach Deutschland kam. Für diese suchten sie dann eine japanische Betreuungskraft – die haben wir auch gefunden. Dann gibt es aber auch Fälle, in denen Senioren gern verreisen möchten. Gerade erst hatten wir einen älteren Herrn, der zu den Salzburger Festspielen wollte und jemanden gesucht hat, der ihn begleitet und sein Interesse an klassischer Musik teilt. Auch das hat geklappt, die beiden waren fünf Tage unterwegs und hatten eine tolle Zeit.

Der Pflegeberuf hat derzeit ein katastrophales Image. Die Leute sind unterbezahlt, überlastet und es bleibt bei der Arbeit keine Zeit für das, um das es doch eigentlich geht: den Menschen.
Antonia Albert, Gründerin von „Careship“

Bei Careship können niedrigschwellige Dienstleistungen gebucht werden. Viele der Angebote – wie Besuchsdienst oder Einkaufshilfe – werden vielerorts von Ehrenamtlichen gestemmt. Haben Sie zu Beginn auch über eine solche Möglichkeit nachgedacht?

Ehrenamtliche Strukturen sind unheimlich wichtig. Diese Menschen leisten eine großartige Arbeit. Doch der demografische Wandel steht uns bevor: Bis 2050 wird sich die Anzahl der Pflegebedürftigen verdoppeln. Allein bis ins Jahr 2025 wird es 215.000 offene Stellen für Pflegekräfte geben. Wir glauben, dass Ehrenamtliche dies alleine nicht stemmen können – vor allem gerade dann, wenn es um regelmäßige Hilfe über einen längeren Zeitraum geht.

Ihre Betreuer nennen Sie auf Ihrer Webseite „Careship-Helden“…

Genau, denn das sind sie! Leider ist es ja so, dass der Pflegeberuf derzeit ein katastrophales Image hat. Die Leute sind unterbezahlt, überlastet und es bleibt bei der Arbeit keine Zeit für das, um das es doch eigentlich geht: den Menschen. Dieser Beruf muss einfach wieder attraktiver gestaltet werden. Das fängt schon bei der Ausbildung an. Viele Studiengänge sind kostenfrei, aber bei einem wichtigen Thema wie Pflege werden häufig Studiengebühren erhoben. Das muss dringend reformiert werden! Mit Careship wollen wir unseren Teil dazu beisteuern, auch, indem wir die Betreuer in den Mittelpunkt stellen und ihnen für ihre Arbeit danken.

Info
  • Careship bietet neben der kostenlosen Erstberatung und den vielseitigen Betreuungsangeboten – von Gesellschaft leisten über Haushaltshilfe bis hin zur leichten Pflege – auch einen ausführlichen Online-Ratgeber rund ums Thema.
  • Wie eine ehrenamtliche Alternative aussehen kann, zeigt das Beispiel von Eva-Maria Drefke: Sie erhält regelmäßig Besuch von Frau Rose. Bis es dazu kam, musste Frau Drefke jedoch hartnäckig bleiben – denn die Anfragen bei den „Grünen Damen und Herren“ sind so hoch, dass nicht immer sofort ein Ehrenamtlicher verfügbar ist.
  • Die Deutsche Fernsehlotterie fördert vielfältige Projekte für Senioren, damit diese lange selbstbestimmt oder, wenn nötig, gut betreut leben und soziale Kontakte pflegen können: von Demenz-WGs über Theater-Projekte bis hin zu Dorfcoaches und Pflegeheimen.
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