Teekränzchen der Kulturen

Mit ihrem mobilen Tee-Café bringt Laura Schöler Flüchtlinge und Alteingesessene im Essener Stadtteil Katernberg ganz ungezwungen an einen Tisch. Damit will die Studentin Menschen aus dem Stadtteil zusammenbringen und die Akzeptanz für die Kulturen der anderen fördern.

„Der türkische Tee schmeckt fast wie bei uns“, stellt Kismat, eine junge Frau aus dem Irak, erstaunt fest. Ihre Freundin Meliha nippt an ihrem Gläschen, gefüllt mit dem kräftigen Schwarztee und meint vergnügt: „Ich hätte ihn nicht besser kochen können.“ Sie sitzen an einem großen Tisch am Rande des Wochenmarkts im Essener Stadtteil Katernberg. Wie jeden Dienstagvormittag hat Laura Schöler hier mit ihrem Team ihren mobilen Tee-Treff „Mobilitea“ aufgebaut.

Laura Schöler und ihr Team bereiten den Tee für den Aufguss vor.
Eine Frau holt sich ein Gläschen Tee am Mobilitea-Stand.
Alle sitzen gemeinsam an einer langen Tee-Tafel und unterhalten sich.

Es werden immer zwei verschiedene Teesorten angeboten. Diesmal gibt es neben dem türkischen noch süßen marokkanischen Minztee. Das lag nahe, weil zwei junge Frauen aus Lauras Team, die eine mit türkischen, die andere mit marokkanischen Wurzeln, ihr zeigen konnten, wie die Tees zubereitet werden. Die Raffinessen des Ostfriesentees, den es letzte Woche gab, hat sich Laura selbst beigebracht. „Auf die Kluntje kommt es an“, erzählt Laura begeistert, während sie mit einer silbernen Teekanne um den großen Tisch geht, um allen noch mal nachzuschenken. So kommen die Menschen in Katernberg bei Tee ins Gespräch und können ganz ungezwungen verschiedene Kulturen kennenlernen.

Ich finde es toll, dass Laura mit ihrem Projekt das Miteinander hier bei uns fördert.
Dagmar, Besucherin des mobilen Tee-Cafés „Mobilitea“

Das Konzept für das mobile Tee-Café, inklusive Logo, Flyer und mobiler Möbel, arbeitete Laura im Rahmen ihrer Bachelorarbeit in Design aus. Damals, 2015, besuchte sie häufiger den Runden Tisch Zollverein, der Katernberger und Flüchtlinge zusammenbringen wollte. Doch die Katernberger blieben aus. Verständlich findet Laura. Denn der Runde Tisch fand in einer alten Schule statt, die zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde. „Es gab da einfach eine Hemmschwelle in dieses Haus rein zu gehen, wo Menschen leben, und so in deren Privatsphäre einzudringen“, erzählt Laura. „Deshalb wollte ich einen Ort zwischen Nachbarschaft und Flüchtlingseinrichtung schaffen, der aber nicht schreit ‚hier sind Flüchtlinge‘, sondern einfach nur dazu einlädt zusammenzukommen – egal für wen.“

Frauen sitzen am Tisch und lachen.
Mehrere Frauen und ein Baby am Tisch.

Bei Tee wurde in der alten Schule darüber diskutiert, was für ein Ort das sein könnte. Da merkte Laura: Tee wird überall getrunken, bei Tee lässt es sich gemütlich zusammensitzen und jedes Land hat seine eigene Teekultur. So fängt die kulturelle Vielfalt bei „Mobilitea“ mit dem Heißgetränk an.

Ich wollte einen Ort schaffen, der dazu einlädt, zusammenzukommen – egal, für wen.
Laura Schöler, Initiatorin von „Mobilitea“

Der mobile Tee-Treff ist gut besucht. Als noch zwei Frauen dazu kommen wird freudig zusammengerückt. Um kurz nach 10 sind alle bereits ins Gespräch vertieft, über den launischen deutschen Sommer, das alltägliche Leben im Quartier und natürlich über Tee. „Es ist schön hier Deutsch zu üben und Leute kennen zu lernen“, freut sich Kismat. Sie ist heute zum ersten Mal hier. Meliha hat sie mitgenommen, im Anschluss an den Deutschkurs, den Kismat bei ihr besucht. „Ich erzähle in meinem Kurs gern von Mobilitea. Es ist eine gute Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und im Stadtteil anzukommen.“

Es geht auch um die eigene, in sich wohnende Kultur

Auch Andre vom Wurst- und Käsestand gegenüber hat sich auf ein Gläschen Tee dazugesellt. Er führt den Marktstand in dritter Generation, berichtet er stolz und meint: „Ich finde es toll, dass Laura mit ihrem Projekt das Miteinander hier fördern will. Die Menschen haben heute so viele Feindbilder. Da ist es besonders wichtig ins Gespräch zu kommen.“

Andre vom Wurst- und Käsestand gegenüber kommt gern bei Mobilitea vorbei.
Eine Frau trinkt Tee.
Hier kommen verschiedene Generationen aus verschiedenen Kulturen zusammen.

Dagmar nickt zustimmend. „Viele in Katernberg ziehen sich zurück. Ich kenne hier viele, bin hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und dort drüben wohne ich“, erzählt die fidele 61-jährige. „Da sag ich dann schon immer allen bescheid – komm mit Tee trinken. Schön finde ich das. Das könnte es ruhig noch öfter geben. Vielleicht kommt man so besser zusammen.“

Luftballon mit Mobilitea-Logo
Mobilitea-Fahrrad

Bei Tee kommt man gut ins Gespräch, da sind sich alle einig. „Es fängt mit Gesprächen darüber an, welche Kultur der angebotene Tee beschreibt“, beobachtet Souad. Die junge Sozialarbeiterin leitet ein Wohnprojekt im Stadtteil und hat Laura geholfen,  „Mobilitea“ zu realisieren. „Aber dann geht es auch bald um die eigene, die in sich wohnende Kultur“, führt Souad weiter aus. „Nicht die typisch deutsche, sondern typisch meine Kultur, meine Art Tee zu trinken und hier zu leben.“ So gehen die Gespräche über den Tassenrand hinaus.

Es ist wichtig, zu vermitteln

In Katernberg wird zwar schon lange Vielfalt gelebt. „Bis die Zeche dicht machte haben hier Deutsche, Türken, Bosnier, Griechen und Marokkaner gemeinsam gearbeitet und gelebt“, erzählt Souad. „Doch die Flüchtlinge, die heute in Katernberg ein neues zu Hause suchen, kommen mit ganz anderen Themen, als die Gastarbeiter damals. Da ist es wichtig, zu vermitteln und Mobilitea schafft dafür einfach einen sehr angenehmen Rahmen“, ist Souad überzeugt.

Info
  • In Zukunft möchte Laura Schöler auch spontan losfahren und Tee ausschenken. Alle Termine gibt es auf der Facebookseite oder per Mail unter info@mobilitea.de.
  • Realisiert wurde die Idee des mobilen Tee-Cafés mit Hilfe des Stadtteilprojekts Katernberg.
  • „Mobilitea“ entspricht derzeit leider noch nicht unseren Förderkriterien. Dennoch stellen wir Ihnen dieses Projekt gern vor – denn Laura Schöler und ihr Team setzen sich mit viel Engagement für ein solidarisches Miteinander und eine lebendige Nachbarschaft ein. Das finden wir großartig und sagen: Herzlichen Dank!

Als um kurz nach 12 zusammengeräumt wird, verabschieden sich viele mit den Worten „bis nächste Woche“. Dann wird vielleicht die sri-lankische Teekultur vorgestellt. „Denn letztens hat sich ein Mann aus Sri Lanka zu uns gesetzt und der möchte jetzt gern mal für alle Tee aus seiner Heimat zubereiten“, freut sich Laura.

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Ich bin rentnerin und Tagesoma. Wir haben die Möglichkeit junge Frauen zu helfen. Sie besuchen ihren Deutschkurs, wir passen solange auf ihren Kindern auf! Es sind wunderbare Kinder und sehr nette Mütter! Ja spielen mit Kindern macht froh!

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