Rettungsleine für Jugendliche

Die Pubertät ist für alle eine schwere Zeit, doch manche Jugendliche sind regelrecht verzweifelt – und denken sogar über Suizid nach. Um Teenager in schweren Krisen zu erreichen, setzt die Online-Beratung „Youth-Life-Line“ ganz besondere Helfer ein: andere Jugendliche.

„Mir geht es nicht gut… ich fühle mich einsam.“ So beginnt die Teenagerin Mimi* ihre erste Nachricht an Youth-Life-Line, einer Online-Beratung für Jugendliche. Schon antwortet ihr das Team in Tübingen mit einer freundlichen Mail, fragt sie nach ihrem Alltag und ihren Interessen – und ob sie einen persönlichen Peer-Berater bekommen möchte. Jeden Montag kommt die Freiweillige Lucy* ins Büro und antwortet ihrer Altersgenossin fortan verlässlich auf ihre Nachrichten.

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Lebensretter im Interview

Gleichaltrige als Berater

So wie Lucy arbeiten aktuell rund 400 Jugendliche ehrenamtlich und anonym als sogenannte Peer-Berater für die Organisation Youth-Life-Line – und werden zu einer wichtigen, vielleicht lebensrettenden Stütze für Jugendliche in schweren Krisen.

Eine dieser Beraterinnen ist auch die 15 Jahre alte Svenja* – ihr richtiger Name bleibt zu ihrer Sicherheit geheim. Im oben eingeblendeten Interview spricht sie offen über die Unsicherheit, die sie bei jedem neuen Fall begleitet. Aber auch über die schönen Momente, wenn ihre Hilfe ankommt.

Info
  • Youth-Life-Line erreicht Jugendliche dort, wo sie sich meist aufhalten: im Internet. Pro Jahr schreiben ausgebildete, ehrenamtliche Peer-Berater über 2000 E-Mails an ihre 570 Klienten.
  • Jugendliche und junge Erwachsene bis 21 Jahre erhalten einen persönlichen Berater. Ihre Nachrichten bleiben anonym und werden wöchentlich beantwortet. Das Angebot ist kostenlos und wird zu 50 Prozent durch Spenden finanziert.
  • Das Projekt Youth-Life-Line erhielt 2015 den Deutschen Engagementpreis.

Bis verzweifelte Jugendliche sich richtig öffnen, dauert es mitunter ein ganzes Jahr, sagt die Leiterin des Programms, Nina-Mareen Schweigert. Das Vertrauen entwickelt sich langsam – auch in jenem geschilderten Fall, den Youth-Life-Line zum Training der neuen Berater einsetzt.

Mein Herz tut weh, meine Seele, einfach alles.
Mimi, jugendliche Klientin von Youth-Life-Line e.V.

Erst nach mehreren Schriftwechseln kann Mimi nämlich ihre Probleme benennen: Sie wird an ihrer neuen Schule von Mitschülern wegen ihres Aussehens gemobbt, ihre Eltern streiten häufig und haben kaum Zeit für sie. Mimi leidet sehr unter der Einsamkeit in ihrer neuen Stadt: „Ich weine jede Nacht, mein Herz tut weh, meine Seele, einfach alles.“

Endlich spricht sie mit ihrer Peer-Beraterin Lucy auch offen über ihre Selbstmordgedanken: „Warum soll ich noch weiter leben? Ich habe keinen Spaß am Leben. Ich werde nie Freunde finden, mich wird nie jemand gern haben oder gar lieben. Ich bin hässlich und ich werde es immer bleiben.“ Sogar schon über die Art und Weise und einen unbeobachteten Zeitpunkt, um sich umzubringen, hat sich Mimi Gedanken gemacht.

Jeder weitere Tag zählt

Lucy lässt sich von diesen deutlichen Aussagen nicht abschrecken, zusammen mit einer Fachkraft aus dem Youth-Life-Line-Team bespricht sie jede ihrer Antworten. Unermüdlich spendet sie Trost und zeigt Mimi, dass sie ihr nicht egal ist: „Ich würde mir wünschen – für dich und für mich – dass unser Kontakt weitergeht. Dass du dir und mir mehr Zeit gibst, damit wir etwas verändern können.“

All diese Nachrichten wurden wirklich so geschrieben, sind zum Schutz der Beteiligten aber namentlich verfremdet. Denn das Thema Suizid ist immer noch tabuisiert, obwohl es bei Jugendlichen die zweithäufigste Todesursache ist, sagt Schweigert. Die systemische Therapeutin erklärt im Gespräch: Suizidgedanken bedeuten nicht, dass jemand psychisch krank ist.

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Ist Suizid ein Tabu?

Für Mimi verläuft zum Glück alles noch einmal glimpflich. Sie lebt und bekommt Hilfe in einer psychiatrischen Klinik. In einem langen Brief bedankt sie sich noch einmal von Herzen bei Lucy: „Unsere Zeit ist nun zu Ende und ich hoffe, ich werde in der Psychiatrie und auch danach auf Menschen treffen, die so sind, wie du. Menschen, die auch die inneren Werte sehen und nicht nur das Äußere.“

Lucy hat ihre Arbeit gut gemacht, doch beendet ist sie nicht. Der nächste Jugendliche könnte schon bald ihre Hilfe brauchen.

*Alle Personen, bis auf die erwachsene Fachkraft, erhielten ein Pseudonym.

Info

Wie spricht man über Suizidgedanken?

Eine heikle Situation: In einem vertraulichen Gespräch gibt ein Freund zu, dass er über Suizid nachdenkt. Youth-Life-Line erklärt, was jetzt wichtig ist.

  • Selbsttötungsdrohungen nicht unterschätzen: Mit ehrlicher Zuwendung zeigt man, dass man den Betroffenen ernst nimmt.
  • Keine leichtfertigen Ratschläge machen: „Kopf hoch!“ – Aufmunterungen oder moralische Urteile geben dem Verzweifelten erst recht das Gefühl, dass er und seine Gedanken falsch sind
  • Verdacht offen ansprechen: „Ich mache mir Sorgen um dich. Denkst du manchmal daran, dich umzubringen?“ Diese Frage ist ein Tabu, doch sie entlastet den Betroffenen, der bisher allein mit seinen Gedanken war.
  • Verbindliche Absprachen einhalten: Ein konkreter Termin für ein erneutes Gespräch gibt dem Betroffenen in der Zwischenzeit Sicherheit.
  • Selbst Hilfe suchen: Der Umgang mit depressiven Menschen kann emotional stark belastend sein. Wenn man sich unsicher fühlt, helfen Beratungsangebote wie Youth-Life-Line auch Angehörigen oder Freunden.

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Kommentare
Wie helfen wir Jugendlichen in Krisen – diskutieren Sie mit

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Hallo. Wo muss man sich melden, wenn man helfen will?

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Katharina Hofmann – 07.08.2017, 17:20 Uhr

Hallo Dennis, auf der Webseite von Youth-Life-Line finden Sie alle Infos, ob und wie Sie sich bei dem Projekt einbringen können. Hier der direkte Link zum "Mitmachen": http://www.youth-life-line.de/mitmachen-ehrenamt-in-der-region-tuebingen-reutlingen-und-metzingen/ Viele Grüße, Ihr Team der Deutschen Fernsehlotterie

Wo muss man sich melden wenn man auch helfen will

antworten
Katharina Hofmann – 07.08.2017, 17:25 Uhr

Hallo Lou, auf der Webseite von Youth-Life-Line finden Sie alle Infos, ob und wie Sie sich bei dem Projekt einbringen können. Hier der direkte Link zum „Mitmachen“: http://www.youth-life-line.de/mitmachen-ehrenamt-in-der-region-tuebingen-reutlingen-und-metzingen/ Viele Grüße, Ihr Team der Deutschen Fernsehlotterie

Ich durchlebte schweres, deshalb will ich auch helfen

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