Lernen aus purer Begeisterung

Warum nicht als Rentner noch neue Wissensgebiete erobern? In Bremen sorgt die „Uni der 3. Generation“ dafür, dass Menschen auch nach dem Ende ihres Berufslebens noch geistige Nahrung bekommen – und so lange fit im Kopf bleiben.

Mit leeren Händen steht Peter Paulitsch vor seinem Publikum und spielt Violine. „Dass es so leise ist, hätte ich nicht gedacht“, sagt der Mann mit der grauen Mähne, die schon den Künstler erahnen lässt. Denn die Musik zu Paulitschs Geigenspiel kommt aus den Boxen unter der Decke des Wall-Saals der Stadtbibliothek Bremen. Und mit dem angeschlossenen Laptop müssen Paulitsch und sein Publikum schon fast lauschen, um Mozarts „Kleine Nachtmusik in G“ zu hören.

Geigenspiel

Doch zum Glück geht es hier nicht hauptsächlich um den Musikgenuss, sondern ums Lernen. Gut 20 Menschen im Rentenalter sind gekommen, weil der Dirigent und Komponist Paulitsch ihnen vermitteln wird, was eine Partitur ist.

Ich habe nur eine kleine Rente. Über die kostenlosen Vorträge der qualifizierten Referenten freue ich mich sehr.
Brigitte Linge, Teilnehmerin der „Uni der 3. Generation“

„Universität der 3. Generation“ nennt sich die Veranstaltungsreihe der Arbeiterwohlfahrt Bremen. Rund 50 Führungen und Vorträge stehen im Programm für das Herbstsemester 2016. Ob man sich nun für die „Wache 1“ der Feuerwehr Bremen interessiert oder doch eher für Dantes „Göttliche Komödie“ steht dabei gar nicht im Vordergrund. Wichtig ist, dass Menschen nach dem Ende ihres Berufslebens ohne Druck lernen können und so geistig fit bleiben.

Ein Mann mit grauen Haaren schaut in ein Notenheft.
Erfreute Zuhörer bei einem Komponisten-Vortrag.
Ein Komponist ist ganz begeistert über Mozarts Genie.

An der Wand hinter Paulitsch wirft ein Beamer die Noten der „Kleinen Nachtmusik“ an die Wand. Mit einem Laserpointer zeigt er, worauf beim Lesen einer Partitur zu achten ist: Welche Noten für welches Instrument gelten. Unterschiedliche Notenschlüssel. Am Klavier auf der Bühne spielt Paulitsch einzelne Takte vor.

Es ist eine angenehme Atmosphäre hier. Die Leute kommen schließlich freiwillig und wollen was lernen.
Peter Paulitsch, Komponist und Autor

Einen Augenblick später sitzt er zwischen seinen Zuhörern, um die Noten besser betrachten zu können. Paulitsch ist ein Dozent mit enormem Fachwissen, der aber trotzdem das Publikum nicht einschüchtert. Jede Frage aus dem Publikum beantwortet er ernsthaft, aber nicht trocken.

Die Genialität im Meisterwerk

Langsam steigert Paulitsch den Schwierigkeitsgrad. Nach Mozart nimmt er sich Prokofieffs „Peter und der Wolf“ vor. Dann geht es weiter mit Mozarts Linzer Symphonie. Nun leuchten an der Wand schon mehr Notenlinien auf: Nicht nur für Streicher, sondern auch für Oboen, Fagotten, Hörner. „Es gibt geniale Dirigenten, die wissen aus dem Kopf, was das Fagott in Takt 250 spielt“, sagt Paulitsch.

Paulitsch, der Komponist erklärt etwas am Klavier.
Zwei Damen haben sichtlich Spaß an einem Vortrag.
Notenblätter von Mozarts kleiner Nachtmusik in G liegen auf einem Klavier.

Beim Hörbeispiel gerät er ins Schwärmen. „Und plötzlich geht das Herz auf“, ruft er, als die Musik im 2. Satz anschwillt. „Da merkt man schon Mozarts Genie, wie er zaubert.“

Nur noch lernen, was einem Spaß macht

Seine Begeisterung überträgt sich auch auf Brigitte Linge. Die 68-Jährige sitzt in der ersten Reihe und ist eine der eifrigsten Studentinnen der „Universität der 3. Generation“. Am Morgen hatte sie schon den Vortrag „Die Kunst der 20er Jahre“ gehört, am Nachmittag sitzt sie nun hier. „Ich gehe zu fast allen Veranstaltungen im Semester“, sagt sie. Sie habe keine gute Schulbildung, sagt sie. Hier sauge sie nun alles auf.

Info
  • Die „Universität der 3. Generation“ gibt es in ihrer jetzigen Form seit dem Frühjahr 2012. Im vergangenen Sommer nahmen erstmals mehr als 1.000 Menschen daran teil.
  • In Polen, Spanien und Frankreich gibt es ähnliche Projekte, doch in Deutschland ist die Bremer „Uni der 3. Generation“ einzigartig.
  • Die Deutsche Fernsehlotterie legt großen Wert darauf, dass sich Menschen auch im Alter als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft erleben. Sie unterstützte das Modellprojekt der AWO Bremen mit 73.000 Euro.

Besonders Kunst und Musik begeistern Linge. „Ich habe nur eine kleine Rente, über die kostenlosen Vorträge der qualifizierten Referenten freue ich mich sehr“, sagt Linge. Am besten gefällt ihr aber, dass hier kein Leistungsdruck herrscht und sie keine Hausaufgaben machen muss. „Als Kind habe ich bei schlechten Noten immer Schläge bekommen“, sagt sie.

Eine Frau lacht beim Vortrag eines Komponisten.

Bei der „Universität der 3. Generation“ lernt sie nur noch, was ihr Spaß macht. Sie schreibt viel mit und arbeitet zuhause die interessantesten Vorträge aus. Die Anerkennung, die sie aus ihrem Freundeskreis für die Besuche der Vorträge bekommt, macht sie auch stolz. „Es bestätigt einem, dass man noch etwas kann.“

Wer sich nicht gleich anmeldet, muss oft schon auf die Warteliste.
Bruno Steinmann, Projektleiter der „Uni der 3. Generation“

Seit 2013 ist Bruno Steinmann als Projektleiter bei der AWO Bremen für das Semesterprogramm dieser besonderen „Uni“ verantwortlich. Während das Herbstsemester noch läuft, hat der 33-Jährige Kulturwissenschaftler schon das Sommersemester im Kopf. Im Januar arbeitet er intensiv daran, spannende Themen und interessante Dozenten zu finden. Anfang Februar muss alles geplant sein, denn Mitte Februar erscheint schon das neue Programm. „Wer sich nicht in den fünf bis sechs Tagen danach anmeldet, muss oft schon auf die Warteliste“, sagt der schlanke Mann mit den kurzen, dunklen Haaren.

Steinmann, Organisator der Uni der 3. Generation

Steinmann versucht, bei der Planung auf Teilnehmerwünsche einzugehen und die Veranstaltungen immer an anderen Orten in Bremen stattfinden zu lassen. So hat jeder mal einen kurzen Weg zu einem Vortrag. Dem Publikum soll es so leicht wie möglich gemacht werden, sich weiterzubilden. Daher kosten die Veranstaltungen auch keinen Eintritt. „Kurse an der Volkshochschule kosten Geld und an der Uni Bremen kostet das Seniorenstudium 150 Euro pro Semester“, sagt Steinmann. „Das ist zwar günstig, trotzdem können sich das nicht alle leisten.“

Auch die Dozenten sind Feuer und Flamme

Dass die Vorträge und Führungen kostenlos sein können, liegt auch an den ehrenamtlichen Dozenten wie Paulitsch. Er ist bereits zum dritten Mal als Experte dabei. „Es ist einfach eine angenehme Atmosphäre“, sagt er. „Die Leute kommen schließlich freiwillig und wollen was lernen.“

Zwei Damen unterhalten sich über den Vortrag eines Komponisten.
Eine Frau im vertieften Fachgespräch mit dem Komponisten.

Er selbst hat – wie acht andere Dozenten an der „Uni der 3. Generation“ – auch schon mehrfach die Seiten gewechselt. Bei einer Führung bei Radio Bremen etwa war Paulitsch auch schon als Teilnehmer dabei. Seinen eigenen Vortrag beendet er dieses Mal nach einer guten Stunde kurz vor dem nächsten Hörbeispiel. „Dann müssen sie nächste Woche alle wiederkommen“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Wahrscheinlich werden sie alle auf ihn hören.

2
Kommentare
Wie bleiben Menschen auch im Alter geistig fit – Diskutieren Sie mit

Du kannst noch 500 Zeichen eingeben.

[…] das Online-Magazin der Deutschen Fernsehlotterie berichtete schon über das Bildungsprojekt für ältere Menschen. Das Sommersemester-Programm 2017 kann hier heruntergeladen, bzw. kostenlos telefonisch oder per […]

antworten

Find ich schon eine tolle Sache

antworten
Bruno Steinmann (33) – 23.01.2017, 14:10 Uhr

Das freut mich! Ist ein schöner Bericht geworden über das Projekt "Uni der 3. Generation".

Das könnte Dich auch interessieren

Projekte

Hoffnung in dunklen Stunden

Der Alltag mit einem unheilbar kranken Kind ist schön und herausfordernd zugleich. Das Sorgentelefon Oskar ist für betroffene Familien da.
Mehr erfahren
Projekte

Rettungsleine für Jugendliche

Manche Teenager sind tief verzweifelt. Die gleichaltrigen Berater der Youth-Life-Line retten solchen Jugendlichen das Leben. Ein Gespräch.
Mehr erfahren
Bring Dich ein
Zurück nach oben