Im Kleinen Großes bewirken

Mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis zeichnet die nebenan.de Stiftung 2017 erstmals Menschen aus, die in ihrem Viertel ein solidarisches Miteinander gestalten. Im Interview mit der Deutschen Fernsehlotterie, die den Preis als Partner unterstützt, spricht Stiftungsvorsitzender Michael Vollmann über mutige „Anfänger“ – und gesellschaftliche Schlagkraft.
Kinder malen Kreide

Herr Vollmann, warum braucht „gute Nachbarschaft“ in Ihren Augen mehr Anerkennung?

Nachbarschaft ist neben Familie und Freunden die dritte große Säule in unserem Sozialleben. In Vierteln, die gut funktionieren, achten die Menschen aufeinander, man fühlt sich wohler und wohnt sicherer. Ebenso gibt es aber auch Nachbarschaften, die eine negative Einstellung haben. Da investiert keiner ins Lokale, alle wollen nur weg. Das zieht die Leute nicht nur runter, sondern es ist auch ein Nährboden für Radikalisierung. Wenn das Miteinander im Kleinen verloren geht, geht auch der gesellschaftliche Zusammenhalt im Großen verloren. Wir sind überzeugt, dass im Lokalen viele Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen unserer Zeit liegen und wollen deshalb lebendige Nachbarschaften stärken und öffentlich wertschätzen.

Info
  • Michael Vollmann hat 10 Jahre Managementerfahrung im öffentlichen, privaten und sozialen Sektor.
  • In „seinem“ Kiez fühlt er sich sehr wohl, weiß aber um die sozialen Herausforderungen, vor denen viele Viertel in Deutschland stehen. Mit seinem Bruder Christian und fünf weiteren Social-Entepreneurs gründete er die Plattform nebenan.de, auf der sich Menschen mit ihren Nachbarn vernetzen und so die Anonymität der Großstadt überwinden können.
  • Er ist Vorsitzender der nebenan.de Stiftung, die 2017 zum ersten Mal den „Deutschen Nachbarschaftspreis“ verleiht.
Michael Vollmann, Vorsitzender nebenan.de Stiftung

Wie kam es dazu, dass Sie sich so sehr auf das Nachbarschaftliche fokussieren?

Das ist eine lange Geschichte (lacht). Aber um es kurz zu fassen: Mein Bruder Christian hat sich geärgert, dass er nach all den Jahren, die er in Berlin wohnt, immer noch keinen seiner Nachbarn beim Vornamen kannte. Also ist er einfach von Tür zu Tür gegangen und hat sich vorgestellt. Das hat ihn sehr viel Mut gekostet. Doch die Resonanzen waren extrem positiv. Für Christian war das dann ein völlig neues Leben, weil die Leute ihn jetzt kannten, grüßten, zum Kaffee einluden. Er sammelte damals alle E-Mail-Adressen seiner Nachbarn ein und erstellte ein kleines Online-Forum.

Logo Deutscher Nachbarschaftspreis

Und daraus entwickelte sich dann die Idee für die Plattform nebenan.de, auf der sich Nachbarn miteinander vernetzen können?

Genau. Wir sind sechs Gründer, die, wie Christian, alle den Schritt an die Haustüren der Nachbarn gemacht haben. Da wir alle digital affin sind, haben wir uns gefragt: Wieso gibt es im 21. Jahrhundert noch nicht die Möglichkeit, eine Nachricht elektronisch die Straße herunterzurufen? Die Leute kommen gar nicht auf die Idee, Handynummern mit den Nachbarn auszutauschen, oder sich bei Facebook anzufreunden –  es sind eben keine Freunde, sondern Nachbarn. Deshalb haben wir die Plattform nebenan.de gegründet, wo dieser nachbarschaftliche Austausch auf digitaler Ebene stattfinden kann. Gleichzeitig möchten wir jetzt mit der nebenan.de Stiftung physische Orte der Begegnung fördern.

Zum Beispiel?

Wir haben da eine ganz tolle Bewerbung für den Deutschen Nachbarschaftspreis: „Café auf halber Treppe“. Da haben drei Studenten Kissen auf die Stufen im Treppenhaus gelegt und die Nachbarn eingeladen. Die Hürde, ins Private einzuladen, ist höher und erst der übernächste Schritt. Daher sind wir im Rahmen des Nachbarschaftspreises auf der Suche nach schönen Formaten, die Begegnungen im echten Leben ermöglichen, ohne dass dies unbedingt in den eigenen vier Wänden stattfindet.

In der Fernsehlotterie haben wir einen starken inhaltlichen Partner gefunden.
Michael Vollmann, Vorsitzender nebenan.de Stiftung

Was müssen Projekte oder Initiativen noch erfüllen, um sich für den Deutschen Nachbarschaftspreis zu bewerben?

Wichtig ist, dass es von Nachbarn für Nachbarn initiiert ist. Wir suchen Formate, bei denen sich jeder denkt: Das ist ja eine tolle Idee, das könnte ich ja eigentlich auch machen. Es sollte also nicht nur aufgrund einer speziellen Örtlichkeit oder Person funktionieren. Wir wollen tolle Beispiele zeigen, wie solidarisches Miteinander ganz einfach in der Nachbarschaft gelebt werden kann.

Nachbarn am Zaun.
Drei Generationen betrachten Blumen

Was erhoffen Sie, durch den Preis bewirken zu können?

In der lokalen Gemeinschaft liegt so viel Potenzial! Es wird immer über die Gesellschaft im Ganzen gesprochen und die Probleme, die in dieser Größenordnung extrem komplex aussehen. Doch im Kleinen, im Lokalen, da wird es konkret – und dort müssen wir ansetzen, um das Gemeinwesen in Deutschland zu stärken.

Info
  • Der Deutsche Nachbarschaftspreis ist mit über 50.000 Euro dotiert und zeichnet die besten nachbarschaftlichen Initiativen auf Landes- und Bundesebene aus.
  • Sie möchten sich bewerben oder ein Projekt vorschlagen? Hier ist dies noch bis zum 24.8.2017 möglich.
  • Die Preisverleihung findet am 13.9.2017 in Berlin im Beisein von Bundesinnenminister und Schirmherr Thomas de Maizère statt.
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