Gemeinsames Kochen verbindet

Lisa Thaens und ihre Freunde haben bereits vor drei Jahren im Rahmen eines Uniprojekts Flüchtlinge zum Kochen eingeladen. Heute treffen sie sich regelmäßig in einer eigenen Küche – und werden immer mehr.

Mohammad ist enttäuscht. Der Reis ist nicht weich genug, er hat nicht lange genug gekocht. Und ohne den Reis schmeckt das Kabsa nicht. Denn der ist der Hauptbestandteil dieses Gerichts aus Mohammads Heimat Saudi-Arabien. „Ich war heute einfach zu nervös“, gesteht er geknickt. Normalerweise kocht der 32-Jährige nur für sich und ein paar Freunde, heute hat er zum ersten Mal Publikum.

Es sind viele gekommen zum Abend „Fifty Shades of Rice“, zu dem der Verein „Über den Tellerrand kochen“ eingeladen hat. Das Organisationsteam hat sich zum Ziel gesetzt, Flüchtlinge und Einheimische zusammenzubringen. Integration fördern mit Essen – statt nur mit Deutschkursen.

Blick auf eine Theke, auf der steht: Über den Tellerrand
Blick in einen Raum voller Tische, auf denen Kochzutaten liegen.
Eine Tafel, auf der der Name Mathias steht und darunter auf Englisch: Gemüsesoße. Halb davor liegt ein Kopf Salat.
Gründerin Lisa Thaens im Gespräch mit einer Teilnehmerin.
Die Flüchtlinge waren begeistert, Kochen erinnert schließlich an die Heimat – und gemeinsam essen verbindet.
Lisa Thaens, Mitgründerin von Über den Tellerrand kochen

Entstanden ist die Idee in einem Uniprojekt, für das sich eine Gruppe Studenten im Sommer 2013 mit Bunsenbrenner und Lebensmitteln zu Flüchtlingen am Berliner Oranienplatz setzte und fragte, ob sie gemeinsam kochen wollten. Die Idee kam gut an, bald gründete die Gruppe einen Verein, um das Projekt weiter vertiefen zu können. Lisa Thaens ist Gründungsmitglied und erinnert sich noch gut an damals: „Die Flüchtlinge waren begeistert, Kochen erinnert schließlich an die Heimat – und gemeinsam essen verbindet.“

Die Gruppe verfolgte das Projekt weiter, gab ein Kochbuch mit Rezepten aus aller Welt heraus, startete Kochabende, zu denen sie Menschen aus Berliner Flüchtlingsunterkünften einluden. Mithilfe von Architekturstudenten der Technischen Universität Berlin gestaltete der Verein wenig später eine geräumige Küche, mit Kochnischen, technischen Geräten, vielen Sitzmöglichkeiten. Dort gibt es regelmäßig Events: Kochkurse, bei denen Flüchtlinge Berlinern beibringen, wie man in ihrer Heimat kocht, aber auch Events, bei denen die Türen allen Interessierten offen stehen.

Das Buch Rezepte für ein besseres Wir.
An einer Pinnwand hängen viele Bilder aus Foto-Automaten.
Ein Mann und eine Frau stehen an einem Tisch voller Zutaten und kochen.

Mit Reis kochen Menschen überall

Heute etwa kochen Menschen verschiedenster Herkunft ein für sie typisches Reisgericht – die Gäste können lernen und probieren. Die Teilnahme an diesem Abend ist kostenlos, Lebensmittel wurden entweder gespendet oder aus der Vereinskasse bezahlt. Gegen 19 Uhr ist es voll geworden in den Parterre-Räumlichkeiten in Berlin-Schöneberg. Etwa 50 Gäste sind gekommen, sie drängen sich um die fünf Kochstationen, die hier aufgebaut sind – Saudi-Arabisch, Pakistanisch, Syrisch, Persisch und Deutsch.

Alle meine Freunde in Deutschland habe ich hier kennengelernt.
Hadi, einst Web-Entwickler in Aleppo, jetzt Koch in Berlin

Hadi kocht an einer Station ein syrisches Reisgericht mit Rosinen und Cashews. Für ihn ist es ein gelungener Freitagabend mit Freunden. Der 26-Jährige ist seit Juni 2015 in Deutschland. In einer seiner Unterkünfte hat er von „Über den Tellerrand kochen“ gehört, jetzt kommt er schon einige Monate regelmäßig zu den Events des Vereins. „Alle meine Freunde in Deutschland habe ich hier kennengelernt“, erzählt Hadi. Er war in seiner Heimat Aleppo eigentlich Web-Entwickler, erst in Deutschland hat er seine Leidenschaft fürs Kochen entdeckt. Mittlerweile hat er ein Praktikum in einem hippen Berliner Restaurant gemacht, ab nächsten Monat arbeitet er in einem anderen Restaurant fest als Koch. „Ich habe die Computertastatur gegen den Kochlöffel getauscht“, scherzt er. Wie und warum er aus seiner Heimat geflüchtet ist, erzählt er nicht. Die Vergangenheit ist nicht das Thema an diesem Abend, es geht hier um die Zukunft, um neue Freunde und Perspektiven.

Hadi im Porträt in weißer Schürze und mit Kappe.
Koch Matthias im Porträt.
Mehrere Frauen unterhalten sich und lachen
Drei Männer tanzen mit den Armen in der Luft
Zwei Männer tanzen, einer wirbelt eine Schürze umher.

Aus dem Kochabend wird eine Party

Während die Reisgerichte vor sich hin köcheln, entwickelt sich das Kochevent zur Party. Eine Gruppe Männer aus Saudi-Arabien tanzt zu traditioneller Musik – darunter Hobbykoch Mohammad. Die Stimmung ist ausgelassen, Gäste und Köche lachen, reden und tauschen Handynummern aus. Es sind hauptsächlich junge Leute hier – wer davon Flüchtling ist und wer nicht, ist kaum zu unterscheiden.

Silka ist begeistert. Sie hat von Über den Tellerrand kochen auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin-Mitte erfahren. Dort hat sie das Kochbuch des Vereins gekauft und wurde neugierig. „Die Geflüchteten, die hierherkommen sind alle jung, gut ausgebildet und wollen sich ein neues Leben aufbauen“, beobachtet sie, „hier lernen sie Gleichaltrige kennen, die ihnen dabei helfen können. So funktioniert Integration.“

Die Teilnehmerin Nina
Der Teilnehmer Hasan schnippelt Petersilie.
Hackfleisch und Erbsen in einer Pfanne
Mehrere Teilnehmer beugen sich gestikulierend über einem Topf

Über den Tellerrand kochen lebt von Neugierigen wie Silka. Der Verein finanziert sich neben den Teilnahmegebühren für die Kochkurse und den Verkauf der beiden Kochbücher vor allem über Spenden. „Mittlerweile können wir fünf Teammitglieder sogar für ihre Vereinsarbeit bezahlen“, erzählt Gründerin Lisa Thaens, „trotzdem ist ein großer Teil der Arbeit hier natürlich ehrenamtlich.“ Das Team von „Über den Tellerrand kochen“ konzentriert sich heute nicht mehr nur aufs Kochen – auch Fußballturniere, Bastelnachmittage und Karnevalspartys stehen auf dem Programm. Wichtigstes Kriterium für jedes Event: Kommunikation ermöglichen.

Info
  • Lisa Thaens und das gesamte Team der „Über den Tellerrand kochen GbR“ verbinden schon seit drei Jahren Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen miteinander. Danke dafür und weiter so!
  • Wann die nächsten gemeinsamen Abende oder Kochkurse stattfinden, lesen Sie auf der Website des Vereins.
  • Sie haben ein ähnliches Projekt ins Leben gerufen und fragen sich, ob es förderfähig ist? In unserer Checkliste finden Sie erste Informationen.

Aus dem Verein wird ein Netzwerk

Längst kommen auch nicht mehr nur Flüchtlinge zu den Veranstaltungen. Der Verein ist mehr zu einem Netzwerk für Menschen geworden, die auf der Suche nach neuen Kontakten sind. Die gute Stimmung, die hier herrscht, hat sich herumgesprochen, die Community wächst.

Eine Frau rührt in einer Pfanne voller gelbem Reis.
Zwei Hände füllen Reis und Gemüse auf einen Teller.
Drei Leute essen von einem Teller, in der Mitte: Gründerin Lisa Thaens.
Mohammad steht lachend am Kochtopf und zeigt mit seinen Fingern das Peace-Zeichen.

Auch Mohammad ist heute von einem Freund mit zum Kochabend genommen worden. Er hat spontan eingewilligt zu kochen. Obwohl er eigentlich gar kein Koch ist, sondern Arzt. Er ist auch kein Flüchtling, sondern ein Stipendiat, der seit Oktober 2015 in Deutschland seine Medizinausbildung fortsetzt. Er hat schnell Deutsch gelernt, trotzdem fällt es ihm schwer, Anschluss zu finden. Bevor er seine Heimat verlassen hat, brachte ihm seine Mutter bei, wie man kocht. „Damit ich mich versorgen kann“, erzählt er. Dass es letztendlich das Kochen sein würde, das ihm zu neuen Freunden verhilft, hätte Mohammad nicht gedacht. Er will auf jeden Fall wieder zu einer Veranstaltung von „Über den Tellerrand kochen“ kommen. „Aber bis dahin übe ich noch ein bisschen“, verspricht er, „dann bin ich nicht mehr so aufgeregt und kann ein perfektes Kabsa kochen.“  


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Kommentare
Inwieweit reicht gemeinsames Kochen, um Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren?

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Diese Projekte finde ich Klasse! Der einzige Haken daran ist , daß es sich nur um Einzelprojekte handelt, die sich zwar hervorragend etablieren, aber in anderen Städten in Deutschland diese zu finden ist auch in unserer digitalisierten Welt schwierig und vorallem muss man sich auf eine langwierige Suche begeben, das könnte einfacher und zielorientierter gestaltet werden. Schließlich will sich nicht jeder einen Facebook-Account o.ä. zulegen. Beste Grüße Edith Reichenberger

antworten

Was für ein grossartiges Projekt - das ist zukunftsweisend. Gratulation!

antworten
Jutta (57) – 08.04.2016, 13:22 Uhr

Als Kind, ich habe viel gehungert, weil meine Eltern arm waren und nur mein Vater eine Arbeit hatte, aber es reichte nie für einen Monat, nie!!!

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