Gegen das Alleinsein

Tante Inge will noch mal ins Kino gehen. Als Kerstin Müller ihrer Großtante diesen Wunsch erfüllt, informiert sie ihre Facebook-FreundInnen darüber. Und tritt damit ein großes Projekt los.

Die alte Frau war einsam, der Mann und schon einige FreundInnen tot, der Körper nicht mehr so agil wie früher – als Kerstin Müller ihre Großtante kennenlernte, äußerte sie ein paar kleine Wünsche. Einen konnte ihr die damals 30 Jahre alte Frau direkt erfüllen: einmal noch ins Kino gehen! Dann dachte Müller: Bestimmt würden viele ältere Menschen gerne öfter Ausflüge machen – einfach mal rauskommen und neue Leute treffen. 2014 gründeten Kerstin Müller und Anne Brauer deshalb mit sechs weiteren FreundInnen das Tandemprojekt „Tante Inge“, um junge und ältere Menschen zusammenzubringen.

Kerstin Müller erzählt, wie das Projekt „Tante Inge“ entstand.
Müller lacht, während Brauer erzählt.
Ein paar „Tante Inge“ Flyer liegen zwischen Müller und Brauer auf dem Tisch. Sie zeigen eine alte Frau, die in die Kamera grinst und die Hand zum Heavy-Metal-Gruß formt.

Unter 100 SeniorInnen in Berlin hat das Projektteam von „Tante Inge“ eine Umfrage zu Wünschen und Hobbys durchgeführt. Das Ergebnis: Sie wünschten sich Stricknachmittage, Kinoabende und Cocktailpartys auf der Dachterrasse ihres Seniorenheims. Im Interview erzählen Anne Brauer und Kerstin Müller von den Anfängen und den Zukunftsplänen des Projekts.

Ein Tandempaar stößt mit einem Glas Hugo an.

Um was geht es bei eurem Projekt „Tante Inge“?
Kerstin Müller: „Mit „Tante Inge“ wollen wir eine Art Nachbarschaftshilfe zwischen Generationen aufbauen. Junge Menschen sollen mit alten Menschen aus ihrem Umfeld zusammen und ins Gespräch kommen, sich gegenseitig helfen, zusammen Zeit verbringen. Ältere Menschen sind nämlich oft fitter und interessierter als man glaubt – so wie Tante Inge. Die ist viel cooler als ich anfangs dachte.“

Ein Tandempaar im Gespräch.

Tante Inges Wunsch: So gerne würde sie nochmal ins Kino gehen

Tante Inge gibt es wirklich?
Kerstin Müller: „Na klar. Eigentlich ist sie meine Großtante. Ich habe sie zum ersten Mal an Weihnachten 2013 getroffen. Als meine Eltern und ich sie besuchten, war das seit 17 Jahren das erste Weihnachten, das sie nicht alleine verbringen musste. Sie hat keine Geschwister, ist früh Witwe geworden und mit ihren damals 89 Jahren hatte sie außerdem die meisten ihrer FreundInnen überlebt. Während unseres Treffens hat sie oft Dinge gesagt wie: „So gerne würde ich nochmal ins Kino gehen“ oder: „Ich würde gern nach Usedom fahren.“

Es muss Tausende wie Tante Inge geben.
Kerstin Müller, Initiatorin des Projekts „Tante Inge“

Weil sie ganz alleine und zudem nicht mehr so gut zu Fuß ist, bleibt sie aber meistens zu Hause. Ich fand das sehr traurig. Sie kann ja nichts dafür, dass sie niemanden mehr hat. Und sie ist bestimmt nicht die einzige, der es so geht. Ich dachte: „Es muss Tausende wie Tante Inge geben!“ Das hat mich sehr berührt, deshalb habe ich meine Gedanken auf Facebook mit meinen FreundInnen geteilt.“

Wir fragten uns, wie wir älteren Menschen ihre Wünsche erfüllen können.
Kerstin Müller, Initiatorin des Projekts „Tante Inge“
Müller erzählt.
Müller und Brauer lachen über ein gemeinsames Erlebnis.

Und wie haben die reagiert?
Kerstin Müller: „Ich war total überrascht, weil sich sehr viele FreundInnen gemeldet und darüber diskutiert haben. Mit ein paar davon habe ich mich einige Tage später in einem Café getroffen. Wir haben gemeinsam überlegt, wie man älteren Menschen diese Art von doch relativ einfachen Wünschen erfüllen könnte – da war auch Anne mit dabei.“

Die Geburtsstunde eures Projektes?
Anne Brauer: „Genau, als Erstes haben wir uns vorgenommen, Menschen überhaupt für das Thema zu sensibilisieren. Dass man aufmerksamer durch die Welt gehen sollte, seine Mitmenschen beachten – auch die alten. Dafür haben wir ein Logo erstellt und Postkarten gedruckt. Beim Namen für das Projekt waren wir uns gleich einig: Tante Inge.

Info
  • Vor allem in Großstädten treibt die Anonymität ältere Menschen häufig in die Vereinsamung. Kerstin Müller und ihr Team von „Tante Inge“ zeigen uns, wie einfach und unbürokratisch Abhilfe geschaffen werden kann. Wir sagen Danke für die tolle Idee.
  • Auch wenn das Projekt im Moment noch nicht unseren Förderkriterien entspricht – mit der deutschlandweiten Verbreitung könnte eine Förderung in Frage kommen. Für eine mögliche Unterstützung durch die Deutsche Fernsehlotterie freuen wir uns auf die Antragstellung von Kerstin Müller und Team.
  • Sie haben ein ähnliches Projekt ins Leben gerufen und fragen sich, ob es förderfähig ist? In unserer Checkliste finden Sie erste Informationen.

Und wie ging es dann weiter?
Anne Brauer: „Wir haben uns überlegt, dass es zwischen alten und jungen Menschen eine Art Tandem-Partnerschaft geben sollte. Zwei Menschen finden sich zusammen und unternehmen gemeinsam etwas – wann immer sie Lust haben. Wir haben unsere Idee in Seniorenheimen vorgestellt. Um die älteren Menschen mit den Jungen zusammen zu bringen, haben wir dann gemeinsame Treffs und Veranstaltungen organisiert, wo sich die Tandempartner kennenlernen konnten.“

Ein Tandempaar beim Cocktailabend.

Keine Lust auf Bingo im Gemeinschaftsraum

Wie kam eure Idee in den Seniorenheimen an?
Kerstin Müller: „Sehr gut. Die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen von großen Trägern ist für die Seniorenheime meist ein sehr großer bürokratischer Aufwand. Da waren wir hingegen total unkompliziert. Und die meisten SeniorInnen sind ganz angetan von unserer Idee. Sie haben schließlich auch keine Lust, immer nur in der Cafeteria mit ihren Angehörigen Kaffee zu trinken oder mittwochs im Gemeinschaftsraum Bingo zu spielen. Die meisten sind geistig noch total fit und wollen gerne etwas unternehmen.“

Was unterscheidet euch von einer klassischen Ehrenamtlichen-Vermittlung?Anne Brauer: „Unsere Idee von Tandem-Partnerschaft ist nicht einseitig. Es geht nicht darum, einer älteren Person nur einen Wunsch zu erfüllen, sondern sich kennen zu lernen und gemeinsam Zeit zu verbringen. Das muss auch nicht jede Woche an einem bestimmten Tag sein, sondern nur dann, wenn beide Partner es möchten.“
Kerstin Müller: „Zum Beispiel unser Tandempaar Anna und Anne-Marie: Sie haben sich bei einem unserer Stricknachmittage kennengelernt und waren sich sympathisch. Daraufhin haben sie sich regelmäßig getroffen, Anne-Marie hat Anna geholfen, Sachen für ihr Baby zu stricken. Auch jetzt ruft Anna Anne-Marie noch regelmäßig an und erzählt ihr vom Baby.“

Anne Brauer erzählt, was sie am Projekt begeistert.
Müller verbindet viele lustige Erinnerungen mit ihrer Tante Inge.

Tante Inge gibt guten Rat bei Liebeskummer

Triffst du deine Tante Inge noch?
Kerstin Müller: „Ich besuche Tante Inge einmal im Monat und telefoniere mit ihr einmal pro Woche. Wir fahren manchmal einfach zusammen mit dem Auto in die Umgebung, zum Einkaufen oder ins Kino. Das bereite ich dann ein paar Tage früher vor – sorge dafür, dass es im Kino eine Rampe gibt, die Tante Inge mit dem Rollator hochfahren kann, und reserviere Plätze in den vordersten Reihen. Manchmal reden wir aber einfach stundenlang in ihrer Wohnung, Tante Inge gibt auch sehr guten Rat bei Liebeskummer. Das Schöne ist: Wir sehen uns nicht wie Ersatz-Enkel und Ersatz-Oma, sondern viel mehr wie Freundinnen.“

Und wie soll es mit dem Projekt „Tante Inge“ weitergehen?
Kerstin Müller: „Wir sind gerade dabei, uns als Verein eintragen zu lassen. Weil wir die Idee von „Tante Inge“ gerne deutschlandweit verbreiten wollen, kommt eine Menge Verwaltungsaufwand auf uns zu. Da wir das Projekt alle ehrenamtlich machen, würden wir gerne jemanden anstellen, der uns bei der Organisation hilft. Dann werden wir mit verschiedenen Vereinen Kooperationen eingehen, um die Idee in die Welt zu tragen, dass Jung und Alt befreundet sein können.“

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Kommentare
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Super Projekt! Nicht nur in den Städten vereinsamen die Menschen, das ist m.E. auch auf dem Land so. Wir wissen wovon wir reden. Unser Sohn ist Asperger-Autist, unsere Oma dement. Auch wir haben solch ein Projekt, schon seit Jahren. Wir nennen es Familie und Zusammenhalt. Unser Einkommen sichern wir durch das Internet. (Link aus redaktionellen Gründen entfernt) Wir wünschen viel Erfolg, frohe Weihnacht und ein friedvolles 2016.

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Schön wärs schon, ich lebe in München und würde mich sehr freuen, wenn es hier auch so etwas gäbe.

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Ein tolles Projekt! Aber es gibt auch immer mehr JÜNGERE Menschen, vor allem SINGLES im Alter von 45 - 60, die - trotz der vielen Kommunikationsmöglichkeiten heute - immer mehr vereinsamen. Ich finde es traurig, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Da ist es toll, das es Menschen wie euch gibt, die aktiv werden und was tun! Dafür meinen vollen RESPEKT!

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Bianca (48) – 06.12.2015, 01:31 Uhr

Ich kenne hier keine, aber würde gerne hier auch sowas sehen, würde es auch machen,aber habe Angst das es mir zufiel wird und ich dann die Leute im Stisch lassen muss. Ich helfe gerne, doch bin krank, habe Depressionen und bekomme deshalb die Rente und Überforder mich manchmal selber um anderen zu helfen.

Ich wohne direkt dem altenheim gegenueber und haette Zeit fuer alte Menschen um vielleicht gemeinsam spatzieren zu gehen da ich aber selbst ein handykap habe (multiple sklerose) bin ich mir nicht sicher ob ich eine Person aufheben koennte nachdem sie gefallen ist an sich wuerde ich gerne einen teil meiner Freizeit opfern vielleicht irgendwas anderes liebe gruesse an ihr Projekt

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Klaus Balke (60) – 11.12.2015, 23:20 Uhr

Sehr geehrte Frau Kurtenbach, machen Sie sich um die "eventuellen Umstände und Fälle" nicht zu viele Sorgen.So wie Sie sich selbst für den Notfall absichern,so werden Sie es auch in der Betreuung älterer Menschen tun.Sie hinterlegen im Heim Ihre Händy Nummer,haben ja auch die der Einrichtung und können im Notfall dort um Hilfe bitten,ansonsten ist die 112 immer der erste beste Retter.Das ist nicht der eigentliche Zweifel an der Ausübung derartiger Hilfe.

Ich arbeite ehrenamtlich im Sprechstundendienst Der "Initiative Älter werden in Aachen" unter dem Dach der Ev Kirchengemeinde Anna-Kirche Wir vermitteln Menschen Kontakte und Wissen in vielen Bereichen und werden von verschiedenen Institutionen gefördert Die gegenseitigen Kontakte gehen durch alle Schichten Altersgruppen und Interessen länger als 20 JaHRE

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EIn tolles Projekt, das würde ich mir auch hier in Tübingen wünschen. (Auch ich bin sehr einsam - hätte ich meine beiden kleinen Hunde nicht.... :-( Ein Unfall vor 21 Jahren bei einem EInsatz in Mozambik/Afrika riss mich nicht nur aus meinem beruflichen Leben heraus. Die Folgen zerstörten auch meine sozialen Beziehungen.) Wie kann ich ein solches Projekt hier ins Leben rufen?

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Tante Inge – 20.11.2015, 15:11 Uhr

Liebe Marianne! Danke für dein Interesse an unserem Projekt. Toll, dass du etwas gegen deine eigene Einsamkeit machen willst. Noch haben wir kein Tante Inge Team in Tübingen aber wir haben viele jüngere Menschen aus ganz Deutschland, die Tandems zu Älteren suchen. Persönlich, per Post, per Telefon... vielleicht finden wir ja jemanden für dich oder du gründest in Tübingen einfach eine Tante Inge Zweigstelle für uns. Melde dich mal bei uns: kerstin@tante-inge.org Lieben Gruß, Kerstin

Hut ab vor den Mädels, die "Tante Inge" ins Leben gerufen haben. Möge Euer Beispiel im ganzen Land viele viele Partnerinnen finden. Danke, daß es Euch gibt ;-))

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Tante Inge – 20.11.2015, 15:12 Uhr

Danke liebe Monika für dein Kompliment. Wir bleiben dran. Rock´n Roll :-)

Liebe Kathleen.... In MV haben wir noch keine Kooperationen. Aber daran soll es nicht scheitern. Wenn du eine Senioreneinrichtung kennst, die Lust haben, dann sag uns Bescheid: frag-inge@tante-inge.org Tante Inge mag überall hin in Deutschland und Tandems anzetteln :-) lieben Gruß von Kerstin

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Wie gerne wäre ich bei sowas dabei. Habt Ihr Kontakte in MV?

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