Ein Freund für alle Fälle

Wenn ein Kind in der Grundschule mit Problemen auffällt, stellt „Balu und Du“ ihm einen jungen Erwachsenen als Mentor zur Seite. Oft entsteht daraus eine echte Freundschaft – so wie bei Albert und Lukas in Hamburg.

Da stehen sie nun und schweigen. Die Lage ist verzwickt. Beide schauen, wie die Kugeln auf dem Billardtisch vor ihnen liegen. Dann beugt sich Albert über den grünen Filz. Seine langen, blonden Haare reichen ihm bis über die Schulterblätter. Selbst ausgestreckt hat er Mühe, seinen Queue in die ideale Position vor der weißen Kugel zu bringen. Der Billardtisch ist einfach zu groß für einen Elfjährigen.

Ein junger Mann mit Locken stößt eine Billiardkugel an, ein Junge mit langem Haar hält seinen Queue und schaut ihm dabei zu.
Ein junger Mann und ein Junge stehen an einen Billiard-Tisch gelehnt.

„Du hast hier noch eine Verlängerung“, sagt Lukas, ein junger Mann mit blonden Locken und verschmitztem Lächeln, und weist auf den Hilfsqueue, der gleich neben dem Billardtisch an der Wand hängt. Doch Albert versucht es lieber ohne Hilfsmittel.

Lukas kam zu mir, dann sind wir Fußballspielen gegangen und haben uns angefreundet. Ganz normal.
Albert, ein „Mogli“ des Projekts „Balu und Du“

Dass ein Elfjähriger und ein Einundzwanzigjähriger befreundet sind und in einem Jugendzentrum in Hamburg-Volksdorf gemeinsam Billard spielen, liegt an „Balu und Du“. Seit 2001 gibt es das Projekt, das Grundschülern mit Problemen einen älteren Freund zur Seite stellt. „Lukas kam zu mir, dann sind wir Fußballspielen gegangen und haben uns angefreundet“, erklärt Albert. „Ganz normal.“

Ein Junge mit langen Haaren versteckt einen Fußball unter seinem T-Shirt und lacht. Ein Erwachsener will ihm neckisch den Ball abnehmen.

Ganz so einfach geht es bei „Balu und Du“ dann doch nicht. In Hamburg, Rostock, Schwerin und Wismar betreuen die Malteser das nach „Dschungelbuch“-Charakteren benannte Projekt. Bevor ein „Balu“ seinen „Mogli“ überhaupt trifft, hat er sich beworben, ein Kennenlerngespräch mit der Projektkoordinatorin geführt und ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt.

Erst, wenn die Malteser überzeugt sind, dass der Bewerber geeignet ist, bekommt der „Balu“ eine Schulung und lernt anschließend einen passenden „Mogli“ kennen. „Moglis“ sind Grundschulkinder, die ihren Lehrern aufgefallen sind, weil sie Unterstützung brauchen können. Kinder aus einem schwierigen Elternhaus oder Außenseiter mit geringem Selbstbewusstsein etwa.

Ein Junge mit langen Haaren tritt hart einen Fußball, ein junger Erwachsener schaut ihm zu.
Ein Junge mit langen Haaren wirft ein Frisbee.
Ein Junge mit langen Haaren und ein Erwachsener spielen Frisbee.

Necken gehört dazu

Albert hingegen ist erstaunlich selbstbewusst für sein Alter. „Du wolltest Action im Spiel, dann beweg‘ dich doch auch“, ruft er, als Lukas im Innenhof des Jugendzentrums eine von Albert geworfene Frisbee an sich vorbeisegeln lässt. Als Albert ankündigt „Ich will versuchen, die Frisbee mit dem Mund zu fangen“, kontert Lukas: „Weißt Du, wo die schon überall lag? Naja, Du bist ja gegen Tollwut geimpft.“

Wenig später sitzen sie einträchtig auf einem Mauervorsprung im Schatten und erholen sich vom Frisbee-Spielen in der brennenden Nachmittagssonne. Sie wirken, als wäre ihr Altersunterschied elf Monate statt elf Jahre. Jeder hält fünf Kaugummis in der Hand. Sie sind in der ersten Minute im Mund so sauer wie Zitronenkonzentrat. Trotzdem wollen die beiden schauen, wer die fünf Kaugummis auf einmal schafft, ohne eine Miene zu verziehen. Stoisch kauen sie die sauren Kaugummis. Sie schaffen es beide.

Ein Junge mit langen Haaren versucht, eine Kaugummiblase zu machen.
Extra saure Kaugummis, einzeln verpackt in bunte Hüllen, in Nahaufnahme.
Ein Junge mit langen Haaren gibt einem Mann mit Locken einen freundschaftlichen Gruß mit der Faust.

Nicht einmal Kaugummi-Essen geht bei Albert ohne Wettbewerb. Auch in der Schule hatte er sich selbst so unter Leistungsdruck gesetzt, dass es den Lehrern auffiel. Außerdem litt er unter der Trennung seiner Eltern. Weil der Junge seinen Vater nur noch selten sieht, fehlte ihm eine männliche Bezugsperson. Als ein Lehrer Alberts Mutter von „Balu und Du“ erzählte, war sie einverstanden, dass Albert einen „Balu“ bekommt.

Ich bin durch die Verantwortung für Albert reifer geworden.
Lukas, Mentor bei der Initiative „Balu und Du“

„Die Mutter hat sich gefreut“, sagt Lukas. Mit ihr sei es unkompliziert. „Sie hat ‚Balu und Du‘ gleich als Entlastung verstanden und nicht etwa als Vorwurf, sie kümmere sich nicht ausreichend um Albert.“ Lukas hört Albert zu, fragt nach und schenkt ihm die Aufmerksamkeit, die im Alltag einer berufstätigen, alleinerziehenden Mutter zweier Söhne vielleicht manchmal etwas zu kurz kommt.

Ein Junge mit langen Haaren und ein junger Erwachsener mit Locken unterhalten sich und lächeln.
Ein junge mit langen Haaren und ein junger Erwachsener sitzen nebeneinander auf grauen Ohrensesseln, der Junge erzählt, der andere hört aufmerksam zu.
Ein Junge und ein junger Erwachsener sitzen zusammen, der Junge denkt nach.

Jugendliche sind schwerer zu erreichen

„Ich habe durch Albert Einblicke in die Probleme Elfjähriger bekommen“, sagt Lukas. Schon bevor Lukas ein „Balu“ wurde, hatte er Jugendlichen Hausaufgabenhilfe gegeben. Er wollte ihnen aber auch Werte mitgeben und stellte fest: Die Jugendlichen sind zu alt, um sie noch wirklich zu erreichen. Dann schickte eine Kommilitonin an der Bucerius Law School eine Rundmail, dass „Balus“ gesucht werden.

Info
  • „Balu und Du“ entstand aus einem Forschungsprojekt der Uni Osnabrück, inzwischen ist es an 90 Standorten in Deutschland und Österreich aktiv. Die erwachsenen Mentoren heißen „Balu“ – wie der freundliche Bär, der einem Waisenkind im „Dschungelbuch“ wertvolle Lehren fürs Leben gibt.
  • Allein 2015 gab es 1.020 neue „Balu und Du“-Tandems. Die erfolgreiche Initiative wurde mit dem „Town & Country Stiftungspreis“ ausgezeichnet.
  • Die Deutsche Fernsehlotterie unterstützt viele Projekte, die Kinder in schwierigen Lebenslagen begleiten. Eines davon sind die „Kinderreisen“, über die sozial benachteiligten Kindern Ferien mit pädagogischen Mehrwert ermöglicht werden. Für viele Kinder der erste Urlaub überhaupt.
  • Haben auch Sie eine Initiative ins Leben gerufen und möchten Hilfe dafür beantragen? Werfen Sie doch einen Blick auf unsere Förderkriterien.

Seit Juni 2015 ist Lukas nun Albert ein großer Bruder und ein Vorbild. Nur selten muss er dabei streng sein. „Albert kennt seine körperlichen Grenzen“, sagt Lukas. „Aber verbal kann er recht aggressiv sein. Dann muss ich ihn bremsen.“ Besonders im Umgang mit Älteren ist der Junge selbstbewusster geworden, hat Lukas beobachtet. Aber auch Lukas profitiert von Albert. „Ich bin durch die Verantwortung für ihn reifer geworden“, sagt Lukas.

Ein Junge mit langen Haaren und ein Erwachsener mit Locken unterhalten sich.

Ein Jahr lang verpflichtet sich der „Balu“ zu wöchentlichen Treffen mit seinem „Mogli“. Das Jahr haben Albert und Lukas schon hinter sich und treffen sich weiterhin regelmäßig. Freunde eben. „Zu einem Escape-Game könnten wir mal wieder gehen“, sagt Albert, als die beiden in der Couchecke des Jugendzentrums sitzen.

An Alberts Geburtstag haben sie sich schon einmal durch Nachdenken und Geschicklichkeit aus einem Raum befreit, in den sie sich hatten einsperren lassen. „Das gibt es auch auf einem Schiff oder in einem Labor“, sagt Albert. Vielleicht ja, wenn Lukas demnächst Geburtstag hat. Aber das besprechen sie beim nächsten Treffen.

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Kommentare
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Ich finde diese Initiative wundervoll. Ich hätte mir gewünscht das es zu unserer Zeit das bereits gegeben hätte. Ich hoffe ihr macht weiter so und wenn möglich, stehe ich, oder wir, meine Tochter Emily ist vor 3 Tagen 9 Jahre alt geworden, - euch auch mit Rat und Tat zur Seite. Das würde mich sehr freuen, gerade in und um Butzbach.

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Wie kann ich ein Freund lernen aus der deutschen Sprache finde ich Arabisch beten

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Klara (19) – 28.09.2017, 13:44 Uhr

Wat ???

Eine sehr gute Aktion und durch den Artikel sehr persönlich rüber gebracht. Bitte weiter so.

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