Der Kindheit Raum geben

Viele Mütter sind überlastet. Bis sie sich das eingestehen, sind sie oft schon total erschöpft. Darunter leiden auch ihre Kinder. Im Haus WaldQuelle können beide gemeinsam neue Kraft tanken – und wieder zueinander finden.

„Ich war total abgespannt und gestresst. Irgendwann ging es einfach nicht mehr“, erinnert sich Andrea. Es ist noch früh am Morgen, Töchterchen Lynn (3) hat die Beine auf der Sitzbank ausgestreckt und kuschelt sich an ihre Mutter. „Doch dann kam letztes Jahr eine Mitarbeiterin der Caritas in die Kita und stellte die Möglichkeiten einer Mutter-Kind-Kur vor. Da hab ich gesagt, das mache ich jetzt!“

Andrea und Stephanie mit ihren Kindern

Auch Stephanie hielt den Druck zu Hause nicht mehr aus. „Ich bin alleinerziehend und gehe im Moment voll arbeiten. Das ist einfach schwierig“, so die Zweifach-Mama. „Die meisten gucken einen dann noch schräg an, wenn man sagt, dass man überfordert ist. Aber ich gebe das offen zu.“ Stephanies Jüngste, Nele (3), sitzt mit rosigen Wangen neben ihr, die blauen Augen blitzen freudig: Gleich geht es mit ihren neuen Freunden zum Spielen ins Kinderhaus! Nele krabbelt auf Stephanies Schoß, streckt die Arme aus – bevor es losgeht, wird Mama noch einmal fest umarmt.

Ich möchte in Zukunft mehr von meinen Kindern haben – und auch ein bisschen Zeit für mich.
Stephanie, Kur-Teilnehmerin in Haus WaldQuelle

Die Gründe, die die Mütter mit ihren Kindern ins Haus WaldQuelle in der Nähe von Mönchengladbach führen, sind vielfältig. „Das kann Armut sein, Trennung, Scheidung, der Tod von nahen Angehörigen, oder auch zu pflegende Eltern“, erklärt Marcus Bierei, Leiter des Kurhauses. „Aber bei allen hat diese Überlastung im Alltag zu einer tiefen Erschöpfung geführt.“

Energie tanken in der Natur

Im Haus WaldQuelle können die Frauen neue Kraft schöpfen und sie lernen, wie sie zu Hause mit Stresssituationen besser umgehen können. Zu Beginn des dreiwöchigen Kuraufenthaltes werden mit jeder Mutter individuelle Therapieziele festgelegt. Anschließend wird aus einem vielfältigen Therapieangebot ausgewählt. „Es gibt Einzel- und Gruppengespräche, Massagen, medizinische Bäder, Krankengymnastik und ein großes Sportangebot,“ erklärt Bierei. Zur Zeit ist Nordic Walking besonders beliebt.

nordic walking

Bei mildem Frühlingswetter genießen die Frauen die Bewegung im angrenzenden Naturpark Schwalm-Nette, einem dichten Waldgebiet, das bis über die Niederländische Grenze reicht. Die Stimmung ist heiter und als Kursleiterin Steffi Caron Tipps für zu Hause gibt, sind alle ganz Ohr.

Aber erst einmal ist es uns wichtig, den Kindern zu vermitteln: ,Du bist richtig, du bist gutʽ.
Marcus Bierei, Einrichtungsleiter Haus WaldQuelle

Vor dem Kinderhaus geht es derweil ans Specksteinschleifen – für die Kleinen ein Riesenspaß! Mit Eifer reiben sie Schmirgelpapier über die kleinen Steine. „Guck mal“, sagt ein braunhaariges Mädchen. Sie holt tief Luft. Und pustet dann mit dicken Backen über das Papier – eine kleine Wolke weißer Staub fliegt in die Luft. „Wooow“, rufen die anderen Kinder begeistert, reiben noch eifriger und machen es ihr nach. Ihr Lachen hallt weit über das Gelände.

Junge schleift Specktein
Speckstein
Kids schleifen Speckstein
Kids pusten den Staub vom Schleifpapier

„Wir wollen der Kindheit Raum geben. Das ist unser Motto, nicht nur im Kinderhaus“, sagt Bierei. Denn er ist sich sicher: Für viele geht dieser durch den Alltag verloren. „Auf den Kindern lastet oft schon früh ein hoher Leistungsdruck. In den Ganztagsschulen ist vieles vorgegeben. Hinzu kommt die belastende Situation zu Hause. Da fehlt die Möglichkeit einfach mal ganz frei zu spielen.“ Im Haus WaldQuelle sollen sie das wieder lernen, auch gemeinsam mit ihren Müttern.

„Viele kommen mit Entwicklungsverzögerung oder Verhaltensauffälligkeiten wie ADS zu uns“, so Bierei. Deshalb gibt es auch für sie verschiedene Therapiemöglichkeiten. „Aber erst einmal ist es uns wichtig, den Kindern zu vermitteln: ,Du bist richtig, du bist gutʽ.“

Gruppe Kinder sitzt unter einem bunten Tuch
Mädchen spielt Ball

Stephanies Sohn Fynn (9) gefallen die Ausflüge in den Wald besonders gut. „Wir haben schon Biber, Kröten und Spechte gesehen“, erzählt er freudig, während er auf dem Tisch die kleinen Kunstwerke ausbreitet, die er aus Specksteinen gefertigt hat – ein kleines Herz, ein Auto, eine Pyramide. Dann eilt er zu seiner Schwester Nele, die sich mit Andreas Töchtern Mia (5) und Lynn auf der Schiffschaukel tummelt.

Kinder auf Schaukel

Die eigenen Bedürfnisse wieder spüren

Nach dem Nordic Walking haben Andrea und Stephanie es sich auf zwei Sonnenliegen gemütlich gemacht. Die beiden ruhen sich noch ein paar Minuten aus, bevor sie ihre Kinder um 15 Uhr im Kinderhaus abholen. Andrea lässt den Blick über die Wiese schweifen und staunt über die viele Freizeit, die sie hier hat. „Nicht kochen. Mal waschen – klar. Aber nicht putzen, nicht bügeln.“

Kinder futtern Äpfel
Gruppe Kinder sitzt unter einem bunten Tuch

Im Haus WaldQuelle finden die Mütter Entlastung von vielen Alltagsaufgaben, damit sie überhaupt in der Lage sind, ihre seit langem unterdrückten Bedürfnisse zu spüren. „Mir haben die Einzelgespräche mit der Psychologin sehr geholfen“, berichtet Stephanie und hofft, diese zu Hause fortsetzen zu können. Herr Bierei und seine Kollegen unterstützen bei Bedarf deshalb schon während der Kur die Suche nach einem geeigneten Therapieplatz. Aber auch die Gespräche untereinander waren für beide Frauen wichtig. „Es tut gut zu erfahren, dass es vielen anderen Müttern ganz ähnlich geht“, sagt Stephanie und Andrea nickt zustimmend.

Zwei lachende Mädchen
Zwei coole Jungs

Ausgeglichene Mütter – glückliche Kinder

Als Andrea und Stephanie, gemeinsam mit den anderen Müttern, durch das kleine Tor auf den Spielplatz vor dem Kinderhaus treten, eilen ihnen ihre Lieblinge freudig entgegen. „Mama, guck mal“, ruft Fynn und präsentiert stolz seine Steinkunstwerke, die Stephanie begeistert begutachtet. Andrea, Mia und Lynn gehen am Nachmittag noch zur Psychomotorik. Die drei freuen sich schon auf den Kurs, in dem sich Phantasie und Bewegungsfreude frei entfalten dürfen. Stephanie, Fynn und Nele hingegen genießen einfach die gemeinsame Zeit, von der sie zu Hause oft zu wenig haben.

Info
  • Das Haus WaldQuelle besteht seit 1952 und ist eine anerkannte Einrichtung des Müttergenesungswerks. Die Mutter-Kind-Kur dauert drei Wochen. In dieser Zeit leben 30 Frauen und 40-50 Kinder in der Einrichtung.
  • Es gibt bundesweit 1.200 Beratungsstellen, bei denen die Mutter-Kind-Kur beantragt werden kann, zum Beispiel bei der Diakonie, der Caritas oder der Arbeiterwohlfahrt.
  • Im Kinderhaus, das im Frühjahr 2017 fertiggestellt wurde, können die kleinen Kur-Teilnehmer wieder richtig Kind sein, spielen und lachen ohne bedrückende Gedanken. Betreut werden sie dabei von Erzieherinnen, Ergotherapeuten und Krankenschwestern. Die Deutsche Fernsehlotterie unterstützte den Bau des Kinderhauses mit 102.000 Euro.
  • Übrigens: In der Reportage „Alleinerziehend, nicht allein“ stellen wir ein weiteres Projekt vor, in dem Mütter Hilfe und Austausch finden.

Es ist ihre letzte Woche im Haus WaldQuelle. Wie wird es zu Hause weiter gehen? „Ich werde definitiv versuchen, weniger zu arbeiten“, sagt Stephanie entschlossen und streicht ihrer Tochter sanft über das blonde Haar. „Ich möchte mehr von meinen Kindern haben – und auch ein bisschen Zeit für mich.“ Andrea will versuchen, sich etwas mehr Zeit freischaufeln, indem sie die Betreuungszeit im Kindergarten von 12 auf 15 Uhr verlängert. „Denn wenn ich ausgeglichen bin, dann geht’s auch meinen Kindern gut“, resümiert Andrea, während sich Mia und Lynn von beiden Seiten an sie drücken. „Das konnte ich hier extrem spüren.“

Bruder und Schwester umarmen sich
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Kommentare
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Einfach eine tolle Sache...weiter so!!!

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Schön be- und geschrieben. Müttern aber auch verstärkt immer mehr Vätern das Gefühl vermitteln, raus aus dem Hamsterrad Leistungsdruck und unbezahlte Mehrarbeit. Wir sind vile zu sehr beschäftigt es anderen recht machen zu wollen und bleiben dabei selbst auf der Strecke. Familie in den Vordergrund bringen. Sich Kindern widmen. Ganz unvoreingenommen. Ein Umdenken der Arbeitgeber findet dazu in vielen Bereichen schon statt. Leider nicht überall. Kinder sind unendlich kostbar.

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