Auspowern statt Ausrasten

Viele Schüler kommen mit einem Rucksack voller Probleme in der Klasse an und geraten in Konflikte – ein falsches Wort genügt schon für eine Prügelei. Solchen Jugendlichen zeigt der Hamburger Verein „Zweikampfverhalten“ im Coolness-Training, wie sie Streit künftig aus dem Weg gehen. Bei diesem Spiel gewinnen alle.

Der Ball trifft Chukwuma voll am Kopf. Er sackt auf dem grünen Turnhallenboden zusammen. Als der neun Jahre alte Junge den Kopf wieder hebt, ist er den Tränen nahe. Aber nicht wegen des Schmerzes. Sondern vor Wut. „Ich hab‘ keinen Bock mehr“, schreit er. „Ich geh‘ jetzt nach Hause!“ Dann stapft er Richtung Ausgang.

Zwei Jungen verfolgen sich quer durch eine Turnhalle.
Jungen laufen durch eine Sporthalle und lachen.
Der Trainer des Coolness-Trainings hält drei kleine Fussbälle in der Hand.

Wegen solcher Situationen ist Chukwuma hier, beim Coolness-Training des Vereins „Zweikampfverhalten“ in Hamburg-Wilhelmsburg. Jeden Montagabend treffen sich hier Jungen zwischen 9 und 14 Jahren, die zu oft in Streit geraten. Sie sollen lernen, sich nicht provozieren zu lassen und Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Respekt ist keine leichte Übung

Heute rennen zehn Jungen durch die Halle und spielen Merkball mit drei Bällen: Wer getroffen wird, merkt sich, wer ihn abgeworfen hat und darf erst wieder mitspielen, wenn der Werfer selbst getroffen wurde. Dass jemand einen Ball an den Kopf bekommt, passiert schon einmal im Eifer des Gefechts. Doch es widerspricht dem Satz, den jeder der Schüler am Anfang laut vor der ganzen Gruppe gesagt hatte: „Ich werde heute mutig sein und alle respektieren.“

Rebekka Henrich erklärt einem Jungen die Regeln im Coolness-Training.

Am Rande der Halle springt Rebekka Henrich von ihrer Bank auf und läuft dem Jungen hinterher. „Chukwuma, bleib hier!“ Die Sozialarbeiterin und Kriminologin hat das Konzept hinter dem „Coolness-Training im Teamsport“ entwickelt. Seit 2008 führt Henrich die Trainings durch, ursprünglich waren sie für Fußballvereine gedacht.

Den Jugendlichen fehlt es an Vorbildern.
Rebekka Henrich, Entwicklerin des sportlichen „Coolness-Trainings“

Aus der Zeit stammt auch noch das Engagement von Bastian Reinhardt, ehemaliger Fußballprofi und jetziger Nachwuchstrainer beim Hamburger SV. „Bastian ist cool, der macht nicht auf dicke Hose, sondern ist eher der Typ ehrlicher Arbeiter,“ sagt Henrich. Kennengelernt haben sich die beiden über den „Hamburger Weg“, eine Stiftung zur Förderung des sportlichen Nachwuchses in der Hansestadt. „Bastian tut viel für unsere Öffentlichkeitsarbeit und ist oft auch ein Türöffner für uns.“

Info
  • Der Verein „Zweikampfverhalten“ bietet seit dem Jahr 2008 „Coolness-Trainings“ für Jungen und Mädchen mit schwierigem Sozialverhalten an. Das Angebot war 2016 für den Deutschen Engagementpreis nominiert.
  • In diesem Jahr lernen schon 150 Schüler und Jugendliche in zehn laufenden Kursen, ihre Konflikte gewaltfrei zu lösen.
  • Der Verein ist in sozial schwächeren Stadtteilen von Hamburg aktiv, neben Wilhelmsburg auch noch in Barmbek. Mehr als die Hälfte der Trainer und Tutoren sind ehemalige Teilnehmer.
  • Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Stadtteilen haben oft nicht dieselben Chancen wie Gleichaltrige aus anderen Gebieten. Um allen Kindern und Jugendlichen, unabhängig von ihrer Herkunft, eine gleichberechtigte Ausgangsbasis zu ermöglichen, finanziert die Deutsche Fernsehlotterie jedes Jahr Ferien für benachteiligte junge Menschen und bietet diesen so die Möglichkeit zur Erholung. In den Ferien lernen sich die Kinder und Jugendlichen oftmals selbst in neuen Rollen kennen – das stärkt sie für den Alltag und das ganze Leben.
Ein junger Trainer weist seine Schützlinge, die auf einer Bank sitzen an.

Nur ein paar Minuten braucht Henrich, um Chukwuma zum Bleiben zu überreden. Doch als wenig später ein weiterer Junge einen Ball an den Kopf bekommt, ruft Trainer Henry Barker alle am Mittelkreis zusammen. „Ich habe extra die harten Bälle genommen, weil ich dachte, ihr schafft es, nicht zu doll zu werfen,“ sagt der 23-jährige Fahrzeugbau-Student. „Aber ihr müsst mehr aufeinander achten!“

Einige Jungs zeigen erst nach Monaten, wo ihre Probleme liegen.
Henry Barker, ehemaliger Teilnehmer und Ehrenamtlicher des „Coolness-Trainings“

Barker weiß, wovon er spricht. 2008 war er selbst mit seiner Fußballmannschaft ein Teilnehmer des Coolness-Trainings. Es gab Probleme im Team und Auseinandersetzungen, die der ganzen Mannschaft die Motivation raubten. Einmal hätte er sich fast mit einem Mitspieler geprügelt, doch andere hielten ihn und seinen Kontrahenten zurück.

Zwei Jungs sprechen mit dem ehrenamtlichen Trainer Henry Barker

In der Schule hatte Barker damals kaum Probleme. Aber weil er direkt neben seiner ehemaligen Schule wohnt, konnte er das Verhalten der jüngeren Schüler auf dem Pausenhof beobachten. Und das hat ihn gestört. „Schüler müssen lernen, sich ordentlich zu verhalten, sonst haben sie eine finstere Zukunft“, sagt der Ehrenamtliche. „Ich wollte etwas verändern.“

Viele gewinnen nur langsam Vertrauen

So wurde er vom Teilnehmer zu einem Tutor, der innerhalb der Gruppe mehr Verantwortung übernimmt als die anderen. Und schließlich wurde Barker Trainer. „Schüler haben noch die gleichen Probleme wie früher,“ sagt er. „Aber sie fassen sich nie an die eigene Nase. Immer sind Lehrer oder Mitschüler schuld.“ Inzwischen gibt er seinen achten Kurs. Dabei hat er gelernt, wie viel Zeit manche Jungen brauchen, um sich zu öffnen. „Einige zeigen erst nach Monaten, wo ihre Probleme liegen.“

Ein Junge lehnt an der Wand eines Turnsaals an die Spielregeln gepinnt sind.
Gesprächsrunde beim Coolnesstraining.
Gesprächsrunde beim Coolnesstraining.

Als die Schüler zum Anfang der Stunde von ihrer vergangenen Woche erzählten, klangen die Sorgen noch sehr ähnlich: Streit mit Mitschülern oder Ärger mit Lehrern. Aber die Ursachen unterscheiden sich, weiß Rebekka Henrich: „Manche der Jungs können nicht daheim wohnen, andere pendeln zwischen den getrennt lebenden Eltern. Oder zuhause werden Konflikte mit Gewalt gelöst und die Kinder schauen es sich ab,“ sagt sie. „Jedenfalls fehlt es ihnen an Vorbildern. Wir können die Eltern nicht ersetzen, aber wir können ihnen beibringen, mit ihren Problemen vernünftig umzugehen.“

Ein Junge in Sportklamotten sitzt auf einer Bank und blickt ernst in die Kamera.
Ein junger Teilnehmer des Coolnesstrainings blickt ernst in die Kamera.

„Zweikampfverhalten“ arbeitet mit drei Schulen in Wilhelmsburg zusammen, die ihre Schüler in die Kurse schicken. Andere kommen aus den Sportvereinen. Und auch das Jugendamt wacht bei manchen Kindern darüber, dass sie ein Coolness-Training absolvieren.

Wenn ich jetzt geschubst werde, rede ich mit dem anderen Schüler, anstatt zurückzuschubsen.
„AJ“, jugendlicher Teilnehmer des Coolness-Trainings

Eigentlich heißt er Aaron Jerôme, aber alle nennen ihn AJ. Noch vor ein paar Monaten hat der Dreizehnjährige sich fast täglich an der Schule geschlagen. Nun steht er mit dem Rücken zur Wand der Turnhalle. Hinter ihm hängt Papier an der Wand, auf das er zwei Strichmännchen gemalt hat: ein großes und wichtiges für seine Familie, ein kleines und unwichtiges für jemanden, der ihn beleidigt.

Drei Jungen üben das richtige Verhalten in einer Konfliktsituation ein.

Als das Gespräch auf den Provokateur kommt, wendet er sich vor den Augen der ganzen Gruppe dem kleinen Strichmännchen zu – und kehrt seiner Familie den Rücken. Es dauert ein paar Minuten, ehe die anderen Jungen begreifen, was für einen Denkanstoß Rebekka Henrich ihnen mit dieser Übung mitgeben will. Doch dann fällt der Groschen.

Genau sagen, was sich in acht Wochen Coolness-Training geändert hat, kann AJ nicht. „Wenn ich jetzt geschubst werde, rede ich mit dem anderen Schüler, anstatt zurückzuschubsen“, sagt er. „Wenn Ältere mein Geld wollen, gehe ich weg oder notfalls zum Lehrer.“ Er ist auf dem richtigen Weg.

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