Alkoholsucht: Anfangen mit dem Aufhören

Der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung zeigt: Alkoholsucht trifft immer häufiger Frauen. Rund 370.000 Alkoholabhängige in Deutschland sind weiblich. „Der Griff zur Flasche wird oft durch schwere Schicksalsschläge ausgelöst“, weiß Marleen Reuter von der Fachklinik Haus Immanuel in Hutschdorf. Die Physiotherapeutin unterstützt medikamenten- und alkoholabhängige Frauen auf dem Weg in ein suchtfreies Leben. Das Besondere: Auch die Kinder der Betroffenen werden hier in die Behandlung miteinbezogen.
Physiotherapeutin Marleen Reuter mit einem Kind auf einem Rollbrett.

Frau Reuter, aus welchen Gründen geraten die Frauen in die Sucht?

Das kann der Tod eines nahestehenden Menschen sein oder die Trennung vom Partner. Auch soziale Einflüsse spielen eine Rolle. Es gibt ganz verschiedene Gründe. Was ich aber oft von den betroffenen Frauen höre, ist, dass der Alkohol ihre Probleme plötzlich klein und das Leben vermeintlich leichter gemacht hat.

Info

Als Physiotherapeutin deckt Marleen Reuter in der Fachklinik den kompletten Sportbereich ab: In der neu errichteten Turnhalle finden Gruppentherapien – von Volleyball bis Step-Aerobic – statt. Auch Einzelbehandlungen, manuelle Therapie oder Lymphdrainagen sind gefragt. Die körperliche Fitness der Betroffenen wieder aufzubauen, ist neben der medizinischen und psychotherapeutischen Betreuung ein wichtiger Teil der Therapie. Im gemeinsamen Sport können Mutter und Kind zudem wieder Nähe und Vertrauen zueinander aufbauen.

Wie lange dauert es, bis sich die Frauen ihre Alkoholsucht selbst eingestehen und bereit für eine Therapie sind?

Im Durchschnitt fünf bis zehn Jahre. Im Alltag können sie ihr Problem oft sehr gut überspielen, sodass Familie, Freunde oder Arbeitskollegen den übermäßigen Alkoholkonsum gar nicht bemerken. Meist ist es dann ein einschneidendes Erlebnis – der Verlust des Führerscheins zum Beispiel – der die betroffene Frau wachrüttelt.

Physiotherapeutin Marleen Reuter betreut in der Suchtklinik den Mutter-Kind-Sport.
In der Suchtklinik krabbeln die Kinder durch einen Tunnel.

Angenommen ich habe den Verdacht, ein Freund oder eine Freundin habe ein Alkoholproblem. Was kann ich tun?

Fällt einem auf, dass eine Person bei jedem Treffen trinkt und es auch nicht nur bei einem Glas Wein bleibt, sollte man sie darauf ansprechen. Dann wird man meist zunächst zurückgewiesen, das Problem vehement abgestritten. Wichtig ist es aber, nicht lockerzulassen, sondern dranzubleiben und das Thema immer wieder anzusprechen. Viele der Betroffenen sagen im Nachhinein, dass Ihnen das die Augen geöffnet hat – weil sie irgendwann angefangen haben, sich zu fragen, ob da nicht doch etwas dran ist. Oft sind es auch die Kinder, die den Verdacht aussprechen.

Den Kindern wird ein Stück Kindheit genommen, denn sie fangen an, für ihre Mütter zu sorgen.
Marleen Reuter, Physiotherapeutin in der Fachklinik Haus Immanuel

Das Haus Immanuel ist in Nordbayern die einzige Klinik, die Kinder suchtkranker Frauen mit in die Behandlung einbezieht…

Das ist das Besondere an unserer Klinik. Wenn eine Mutter alkoholsüchtig ist, und das über viele Jahre, leidet vor allem das Kind. Die Mutter-Kind-Beziehung ist beeinträchtigt. Durch einen geregelten Tagesablauf und gezielte Impulse wollen wir Mutter und Kind wieder näher zusammenbringen, was auch für die eigentliche Suchttherapie wichtig ist.

Zwei Jungen spielen in der Turnhalle mit bunten Bällen.
Marleen Reuter im Gespräch mit einer Mutter.
Physiotherapeut Marleen Reuter in der Turnhalle.
Eine Mutter mit ihrem Kind in der Turnhalle.
Eine Mutter mit ihrem Kind in der Turnhalle.

Der Alltag mit einer alkoholsüchtigen Mutter ist sicher nicht einfach…

Den Kindern wird ein Stück Kindheit genommen, denn sie fangen an, für ihre Mütter zu sorgen. Ich habe mit einem Mädchen gearbeitet, das kam zu mir und sagte: „Ich wäre gern wieder ein Baby.“ Ich habe gefragt: „Warum möchtest du das?“ Und sie sagt zu mir: „Na, da hat sich meine Mutti wenigstens noch um mich gekümmert.“ Das sagt sehr viel aus. Wir wollen den Müttern zeigen, wie sie bewusst Zeit mit ihren Kindern verbringen können. Diese zurückgewonnene Aufmerksamkeit genießen die Kleinen sehr.

Werden die Kinder bei Ihnen mittherapiert?

Bei manchen wäre es auf jeden Fall hilfreich. Doch leider ist es so, dass die Rentenversicherung die Kinder nur als Begleitperson sieht. Wir bekommen also kein Geld für eine zusätzliche psychologische Betreuung der Kinder. Doch wir ermöglichen aus freiwilligen Stücken Mutter-Kind-Sport und Mutter-Kind-Ergotherapie. Dafür bietet uns die neue Turnhalle, deren Bau von der Deutschen Fernsehlotterie gefördert wurde, nun genug Raum.

Dieses Problem gibt es in jeder gesellschaftlichen Schicht. Doch wer seine Alkoholsucht zugibt, wird oft verurteilt.
Marleen Reuter, Physiotherapeutin in der Fachklinik Haus Immanuel

Wie gehen Sie mit den zum Teil sehr schweren Schicksalen der Frauen um?

Es erschüttert mich schon manchmal sehr, wie viel Leid manche Menschen ertragen mussten. Mit meiner Kollegin kann ich gut darüber reden, das hilft. Nach Feierabend schalte ich ab. Anders funktioniert das nicht.

Was können wir als Gesellschaft tun, um Alkoholabhängigen den Weg aus der Sucht leichter zu gestalten – oder möglicherweise sogar zu verhindern, dass es überhaupt so weit kommt?

Dieses Problem gibt es in jeder gesellschaftlichen Schicht. Doch wer seine Alkoholsucht zugibt, wird sofort verurteilt. Was man aber nicht vergessen darf, ist, dass oft schlimme Schicksale zur Sucht geführt haben. Es ist wichtig, dass die Betroffenen nicht gleich den Stempel „Trinker“ aufgedrückt bekommen, sondern, dass die Gesellschaft Verständnis zeigt und hinterfragt: Wie kam es dazu? Und wie kann ich helfen? Wir dürfen diese Menschen nicht isolieren. Das ist besonders auch auf dem Arbeitsmarkt wichtig. Ein Bewerber, der in einer Suchtklinik war, wird schneller zur Seite gelegt. Doch wie sollen die Betroffenen eine neue Chance im Leben bekommen, wenn sie immer überall abgestempelt und abgeschoben werden?

Mutter malt mit Kind.
Kind bemalt die Handfläche der Mutter mit Farbe.
Mutter und Kind geben sich ein High Five.
Info
  • Die Fachklinik Haus Immanuel ist auf die Therapie von alkohol- oder medikamentenabhängigen Frauen spezialisiert. Die Klinik hat 60 Therapieplätze zur Verfügung. Zudem können bis zu zwölf Kinder im Alter von null bis zwölf Jahren betreut werden, während ihre Mütter in Therapie sind.
  • Wir bei der Deutschen Fernsehlotterie wünschen uns eine Gesellschaft, die niemanden ausgrenzt. Daher freuen wir uns, dass wir den Bau der Turnhalle mit 206.000 Euro fördern und so auch langfristig die wichtige Arbeit der Mitarbeiter/innen von Haus Immanuel unterstützen können.
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Wie können Alkoholabhängige auf dem Weg in ein suchtfreies Leben unterstützt werden – Diskutiere mit

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